Nicht bloß auf einen Kaffee

Das 63. Wexford-Festival landet mit Cagnonis «Don Bucefalo» einen Treffer und charmiert galant über einen Flop hinweg

Opernwelt - Logo

Es ist Oktober. Festivalzeit im irischen Küstenörtchen Wexford. In den Pubs plaudern Herren in black tie und Damen in Abendrobe mit Locals in Jogginghosen. Der Wind saugt die letzten Blätter aus dem kleinen Hain, den Opernenthusiasten auf der Ferrybank gepflanzt haben – ein Bäumchen für jedes neue Stück – und weht waagerechte Regenfäden über den River Slaney. Herbstnassgrau glänzen die Fassaden. Über den Dächern leuchtet stolz der Bühnenturm: Irlands einziges echtes Opernhaus darf sich neuerdings «Irish National Opera House» nennen.

Drinnen setzt Antoine Mariottes «Salomé» (1908) einen Strauss-Kontrapunkt; Kevin Puts’ «Silent Night» (2011) erinnert an den Ersten Weltkrieg. Für die ausgleichende gute Laune sorgt Antonio Cagnonis «Don Bucefalo» (1847).

Während Mariottes Musik den kleinen Saal mit dickflüssigen Wogen französischer Dekadenz tränkt, kredenzt Regisseurin Rosetta Cucchi die Story um die mordlüsterne Königstochter wie einen schwülen Hollywood-Blockbuster. Zwischen Palastmauern und Orienteppichen räkelt sich Salome in einem fleischfarbenen, hautengen Ganzkörperanzug, so dass sie auch dann noch vollständig bekleidet ist, nachdem sie sich tanzend ihrer Schleier entledigt hat ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Wiebke Roloff

Weitere Beiträge
Flüchtig wie ein Schmetterling

Wer nach unerhörten Klängen, nach progressiven Techniken sucht, wird in «Anna Karenina» nicht fündig werden: Thomas Kürstners und Patrick Vogels Partitur für das Bremer Theater fällt in jene Kategorie von Neuschöpfungen, in denen aus der vollen Vorratskammer der jüngeren Musikgeschichte alles Mögliche zusammengeworfen wird. Janácek und Schostakowitsch, Britten und...

Streber!

Wer Thomas Hampson mag, wird ihn nach der Lektüre dieser Biografie noch sympathischer finden, diesen all-American boy aus Washington State, Jahrgang 1955. Hampsons Vater war Nuklearchemiker, Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten und der Held seiner Kindheit. Als Schüler lernt er Trompete, Schlagzeug, Tuba, erhält Gesangsunterricht bei einer Nonne, entscheidet...

Sehnsuchtsbilderbogen

Er atmet schwer, der alte Mann. Einen weißen Leinenanzug hat er angelegt. Als werde es bald Frühling oder Sommer in seinem leeren Lebensabendbunker. Schlurft hierhin, dorthin, hält inne, horcht und blinzelt, ob sich was regt im Halbdunkel zwischen den anthrazitgrauen Wänden. Aber es bleibt still. Kein Laut, nirgends. Nicht mal der schüttere Herbstlaubregen, der aus...