Herz und Heimat
Leos Janáceks «Katja Kabanová» handelt von der Unerträglichkeit des Lebens in einer russischen Provinzstadt an der Wolga. Anders als in Janáceks Vorlage, dem Drama «Gewitter» von Aleksander N. Ostrowskij, stirbt die mit dem stumpfen Kaufmann Tichon verheiratete und von ihrer bigotten Schwiegermutter unterdrückte Katja aber weniger an der starren Ordnung als von innen heraus. Wie Kleists Penthesilea ist sie eine Extremistin der Gefühle, getrieben von der Sehnsucht nach dem Unbedingten, vor dem es – sie sagt es selbst – «kein Entweichen» gibt.
Jossi Wieler und Sergio Morabito, die sich zum ersten Mal mit einem Werk Janáceks auseinandersetzen, bringen beides ins Bild: die mit höchster Emphase in Musik gegossene ekstatische Getriebenheit der von erotischen Verschmelzungsfantasien beflügelten Katja («ich träume manchmal, dass ich ein Vogel bin») und die bornierte Kleinbürgerlichkeit des in Janáceks Texteinrichtung eher zurückgedrängten sozialen Umfeldes. Bert Neumann trennt die Bühne durch einen quer verlaufenden weißen Zaun, der das (unsichtbare) Wasser vom Land, die Wolga vom Wohnbereich der Kabanovs abgrenzt. Den Fluss sieht man nur als Farbfoto auf einer Plakatwand mit der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Für jene, die jede Arie dreimal umdrehen, die alles abklopfen auf Logik und Meta-Ebenen, die mit schwerem Dramaturgenwerkzeug am sperrigen Stück schrauben, basteln und löten müssen, für die ist diese Aufführung nichts. So eine «Zauberflöte» hat das Münchner Gärtnerplatztheater außerdem gerade hinter sich. Dass das Gegenteil keine seichte Niedlichkeitsoffensive sein...
Im April schloss sich mit «Götterdämmerung» an der Los Angeles Opera der erste «Ring»-Zyklus in der Geschichte der Stadt. Mit vorausschauendem Blick auf drei komplette «Ring»-Aufführungen im Mai und Juni dieses Jahres waren die einzelnen Teile der Tetralogie zwischen Februar 2009 und April 2010 einstudiert. Natürlich ist ein solches Unterfangen stets das Werk...
Drei Sängerpersönlichkeiten, die ein Stück Musikgeschichte mitgeschrieben haben, sind im Mai von der Bühne des Lebens abgetreten. Zwei von ihnen machten Weltkarriere, verloren dabei aber nie die Bodenhaftung – stets waren sie in funktionierende Ensembles eingebettet; der dritte war der Typ des Ensemblesängers schlechthin, einer Spezies, die schon lange vom...
