Heilsbringer, selbst ernannt
Er sei nicht interessiert daran, Märchen zu erzählen, hatte Carlos Wagner vorab gesagt. Und schon beim Auftritt des blütenweißen Strahleritters Lohengrin – im Gegenlicht, gezogen von einem in Ketten gelegten Gottfried – zeigt sich, was er mit «Märchen» meint: Verblendung, die nicht als solche erkannt wird. Carlos Wagner versucht der Geschichte vom Heilsbringer am Landestheater Coburg mit Skepsis zu begegnen, mit aufgeklärtem Blick. Er lässt alles, wie es ist. Er glaubt nur nicht daran. Sein Lohengrin ist kein Held, sondern ein selbst ernannter Messias.
Ein Messias, der sich in dieser Pose sehr gut gefällt.
Der Regisseur knotet das Bedeutungsgeflecht der Oper komplett auseinander und bindet es neu zusammen, und, das ist das einzige Wunder in dieser Produktion: Es trägt auch so. Nur Elsa durchschaut das Spiel, und als sie – nach einer Beinahe-Vergewaltigung im Brautgemach – dann doch wissen will, was hinter der Breitbrüstigkeit ihres Gatten steckt, fällt der in sich zusammen. Als er schließlich zur Legitimation seiner Machtergreifung nicht mehr vorzuweisen hat als ein paar Verse, wendet sich auch das Volk gegen ihn. Die geheime Wunderkraft des Grals endet in Coburg nicht in dem ...
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Opernwelt April 2014
Rubrik: Panorama, Seite 31
von Florian Zinnecker
Es mag Zufall gewesen sein, dass der Besuch des Doppelabends mit Poulencs «Voix humaine» und Bartóks «Herzog Blaubarts Burg» genau auf den Weltfrauen-Tag fiel. Sind doch beide Einakter exemplarisch auf das Schicksal einer in den Fesseln der Liebe ausweglos verstrickten Frau fokussiert. Die thematische Koinzidenz ist evident, wenn auch nicht unbedingt singulär....
Man kennt das schon, jede Premiere eine Zitterpartie. Spielen sie noch oder streiken sie schon? Schon die Saisoneröffnung an der hoch verschuldeten Opera di Roma mit Verdis «Ernani» unter Riccardo Muti war im vergangenen November akut gefährdet, weil die Gewerkschaften mit einem Ausstand gedroht hatten. Im Dezember 2013 bekam das Haus einen externen Kommissar...
Die Oper ist ein unmögliches Kunstwerk.» Mit diesem verbalen Paukenschlag hat Oscar Bie 1913 sein brillantes, noch immer lesenswertes Buch «Die Oper» eröffnet. Carolyn Abbate und Roger Parker sind derselben Meinung. Die beiden renommierten angloamerikanischen Musikwissenschaftler geben sich allerdings entschieden konservativer als der deutsche Kulturhistoriker,...
