Gounod: Faust
Die Welt der Wissenschaft ist ein Kerker: ein schachtartiges schwarzes Halbrund, das Doktor Faust von oben bis unten mit naturwissenschaftlichen Formeln vollgeschrieben hat. Die Welt tätigen Menschenlebens ist aber auch nicht viel besser: ein klinisch weißes Halbrund – ein Altenheim, wie sich herausstellt, eine jener Verwahranstalten, darin Menschen auf elementares Funktionieren reduziert werden. Gretchen ist hier angestellt, sie teilt Essen aus oder schrubbt die Böden. Beide, Faust und Gretchen, haben durchaus Grund, sich aus ihrem Leben fortzuwünschen.
Wollen sie aber deshalb gleich «jemand anders» sein, wie die Regisseurin Vera Nemirova im Programmheft formuliert? Geht es nicht, ganz im Gegenteil, um Selbstwerdung, um Selbsterkenntnis auch? Nemirova folgt der verbreiteten Ansicht, Gounod und seine Librettisten hätten Goethes Vorlage auf die Liebesgeschichte reduziert und Gretchen/Marguerite in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Und sie folgert, Marguerite sei eine «starke junge Frau», die «selbstbestimmt ihre Liebe leben will» und lediglich an den «Moralvorstellungen einer kleinbürgerlichen konservativen Gesellschaft» scheitere. Zeigen lässt sich das ...
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Somtow Sucharitkul ist ein vielseitiger Mann (gesprochen klingt der Name etwa wie Somtau Sucharitkun – die Übertragung aus dem 76 Buchstaben umfassenden thailändischen in das aus 26 Buchstaben bestehende lateinische Alphabet wirft einige Probleme auf). Der Komponist und Dirigent ist gebürtiger Thai, hat aber einen amerikanischen Pass und seinen Hauptwohnsitz in Los...
Zart, delikat, wie aus dem Nichts herbeigezaubert drängt das Vorspiel zum ersten Aufzug in den verschatteten, hermetisch abgeschotteten Raum. Unaufdringlich ziehen Fagotte und Tuben ihre Linien, gleichsam geräuschlos, wie die Ventilatoren, die den Betonbunker Mimes und Siegfrieds belüften. Nicht einmal zum «Hoiho! Hoiho! Hau ein! Hau ein!» des Helden bläst Franz...
Bezaubernd schön ist dieses Bild nicht. Eher bestürzend, tragikomisch. Aber es ist ein wichtiges, ein wesentliches Bild. Weil es in seiner vorgeblichen Trivialität poetische, bedrohliche Sprengkraft birgt, weil es so viel (aus)sagt über die genialische Kunst Achim Freyers, Musik und Geschichte in einen Rahmen zu setzen, in dem sie aufgehoben sind, ohne einander...
