Gespenstisch subtil
Was zunächst erstaunt bei dem heiklen Stoff: Sláva Daubnerová verweigert jede Aktualisierung oder ideologische Kontextualisierung. Doch die Zurückhaltung der slowakischen Regisseurin, Schauspielerin und Autorin bekommt Shchedrins «Lolita»-Oper ausgezeichnet. Das Stück bietet genug Deutung, nicht nur durch die subtile musikalische Textur, sondern auch dank des vom Komponisten erstellten Librettos, das als eigenständiger Kommentar über den Roman Vladimir Nabokovs hinausgeht.
Der Plot des Originals: Der Literaturwissenschaftler Humbert Humbert verliebt sich in die zwölfjährige Dolores Haze und lässt sich, um in der Nähe des Mädchens zu sein, auf eine Ehe mit deren Mutter Charlotte ein. Als die bei einem Autounfall umkommt, ist Humbert plötzlich alleiniger Erziehungsberechtigter, geht mit Lolita auf einen zweijährigen Roadtrip, vergewaltigt sie wiederholt, tötet den Nebenbuhler Quilty und stirbt schließlich im Gefängnis, bevor man ihm den Prozess machen kann. Shchedrin folgt weitgehend der Romanhandlung, moralisiert sie allerdings, indem er ans Ende das Todesurteil setzt. Die Ambivalenz der Geschichte, ihr Schwanken zwischen Fantasie und Wirklichkeit, die Rolle Lolitas, halb ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Volker Tarnow
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Was wohl der weise wie menschenkundige Doktor Marianus zu dieser Szene am Beginn des vierten Akts von «Les Indes galantes» anmerken würde? Er würde vermutlich schweigen, schmunzeln und sehr sanft sein Haupt schütteln. Denn rein gar nichts ist hier von jener reinen Minne zu spüren, die Marianus in der Bergschluchten-Szene aus Goethes «Faust II» besingt, von jener...
Im Anfang war das Wort: Weil Peter Seiffert erkrankt war, musste ein Einspringer für die männliche Hauptpartie in Richard Wagners «Handlung in drei Aufzügen» annonciert werden. Heiko Börner übernahm, war aber – womöglich durch den Nimbus des berühmten Kollegen eingeschüchtert oder mit der Inszenierung noch nicht vertraut – allzu konzentriert auf das Setzen und...
