Frisches Grün
Regisseur Calixto Bieito empfängt uns im ersten Aufzug seines «Tannhäuser» nicht mit einer Lusthölle, sondern mit einem Naturidyll. Die triebgesteuerte Unterwelt der Venus ist für den Spanier keine pornografische Zwangsveranstaltung, in der Tannhäuser die Luft zum Atmen dünn wird, sondern ein friedliches Reich voll frischen Grüns und zarter Sinnlichkeit. Überraschend für einen Theatermann, der das Verhältnis der Figuren in seinen Operngeschichten gern auf sexuelle Neurosen und Gewaltfantasien reduziert.
Aber da Bieito für seine Deutungen immer die radikal andere Perspektive wählt, ist seine Umdeutung von Wagners Sängerkrieg wiederum konsequent.
Bühnenbildnerin Rebecca Ringst hat ihm ein vom Bühnenhimmel herabhängendes Baumwipfel-Labyrinth gebaut, das wogt wie die See, während Venus auf der Suche nach ihrem Geliebten durch das Blättermeer eilt. Und Dmitri Jurowski am Pult dirigiert ein pulsierendes, farbiges Vorspiel, mit dem er die Partitur von Überhitzung und Ekstase befreit. Darüber hinaus gelingt es ihm, im für eine Wagner-Oper doch recht kleinen Genter Haus einen vollen, warmen Klang zu entwickeln – musikalische und szenische Deutung finden hier aufs Schönste zusammen. Das gilt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2015
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Christoph Schmitz
Vor hundert Jahren war Carl Goldmarks Name in aller Munde und seine Oper «Die Königin von Saba» ein Welterfolg. Elias Canetti, der als Kind im selben Wiener Haus wie der greise, am 2. Januar 1915 gestorbene Komponist wohnte, hat in seiner Autobiografie «Die gerettete Zunge» beschrieben, wie nach Goldmarks Tod am Tag des Begräbnisses die Straße «schwarz von Fiakern...
Selbst in einer so musikliberalen Stadt wie Frankfurt am Main geht eine Lachenmann-Premiere nicht ganz ohne Buhs ab. Natürlich gab es im Vorfeld der Aufführung auch jenen konservativen Opernhabitué, der wütend um sich herum zu agitieren versuchte und wieder einmal die «unverantwortliche Verschleuderung von Steuergeldern» bemühte (womit er beim Schreiber dieser...
Die lange vernachlässigten Opern Bohuslav Martinus werden inzwischen wieder häufiger gespielt: Zuletzt zeigte Frankfurt «Julietta» und einen Einakter-Abend (siehe OW 8/2015). Jetzt zieht Essen mit Martinus letztem, in seinem Todesjahr 1959 vollendeten englischsprachigen Bühnenwerk «The Greek Passion» nach. Ein griechisches Dorf will die Passion spielen. Die Rollen...
