Formgefühl und Leidenschaft
Ich nippe gerade am Jasmintee, um die gesalzenen Sonnenblumenkerne aus den Zähnen zu spülen, als oben auf der Bühne, unter bunten Lampions und Troddeln, das Spektakel losgeht. Während die Trommelgruppe sich an rasanten Rhythmen die Finger wund hämmert, sausen Speere durch die Luft, werden mit blitzschnellen Drehungen pariert, durch galanten Fußkick auf den Gegner zurückgefedert. Ausfallschritt links, Ducken rechts, Abrollen, Konter mit groteskem Augenrollen unter grell geschminkten Lidern.
In der Pekingoper ist auch der Krieg ein Ballett von höchster Präzision – ein akrobatisches Wunder zur Begleitung von rohen Holzschlägen und scheppernden Becken.
Den nächsten Abend verbringe ich nicht mehr bei Tee und Nüssen in der malerischen Huguang Guild Hall, sondern im «National Centre for the Performing Arts». Als schimmerndes Riesenei schwimmt es, direkt hinter den stalinistischen Quadern der «Halle des Volkes», seit 2007 auf künstlich angelegtem Fruchtwasser. In Sichtweite der Verbotenen Stadt hat der Franzose Paul Andreu dieses hybride Kulturzentrum mit Opernhaus, Konzertsaal und Theater gebaut: ein Ellipsoid aus fließenden Kurven und schwebenden Hüllen, unter denen man gesittet wandelt ...
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Das Festival Junger Künstler war schon immer für Überraschungen gut. Im Europasaal des «Zentrums», wo 1982 die szenische Uraufführung von Mozarts Azione teatrale «Il sogno di Scipione» stattfand, wurde tatsächlich ein Stück von Richard Wagner aus der Taufe gehoben. Kein Wunder allerdings, dass die Posse «Eine Kapitulation» bislang nie gespielt wurde. Sie gehört...
Fangen wir mit der Musik an, sie ist die eigentliche Sensation des Abends. Ein tönend bewegtes Feuerwerk. Kaum zu glauben, dass hier dasselbe Orchester spielt, das man in den vergangenen zwei Spielzeiten häufig übersteuert und unpräzise erlebt hat. Die Gegenwart gehört der Jugend. Nicht einmal 30 Jahre alt ist Patrick Lange, der neue Generalmusikdirektor der...
Schinznach-Dorf ist ein Ort im Aargau mit 1200 Einwohnern, nicht weit von Zürich entfernt, in der Nähe der deutschen Grenze gelegen, umgeben von Hügeln und Weinbergen. Die Idee, in dieser verschlafenen Idylle ein Opernfestival ins Leben zu rufen, erscheint aberwitzig. Der Tenor Peter Bernhard, der dort wohnt, hatte sie trotzdem und setzte über Jahre hinweg alles...
