Fliehkräfte
Das lange Sterben Violettas beginnt bereits bei geschlossenem Vorhang, mit den ersten Tönen des Preludio, Vorecho jenes zerbrechlichen Klanggespinstes in den hohen Violinen, das auch den letzten Akt von «La traviata» eröffnet und prägt. Es liegt nahe, Verdis Vorgriff auf das Ende der Oper auch szenisch zu realisieren. Genau das macht Rolando Villazón in seiner Inszenierung für das Baden-Badener Festspielhaus. Die Aufführung beginnt in vollkommener Finsternis. Ein Lichtstrahl lenkt den Blick auf die am Boden liegende Violetta.
Sie bringt eine Spieluhr zum Klingen, die Erinnerungen wachruft. Erst dann setzt Verdis Musik ein. Die Geschichte von Violettas Lieben, Leiden und Sterben wird als eine Art Delirium erzählt, in dem Realität und Fantasie im Sinne einer Traumlogik verfließen.
In den Massenszenen des ersten und dritten Bildes bevölkert eine grotesk kostümierte, womöglich einem Fellini-Film entsprungene Gesellschaft die von Johannes Leiacker als Mischung aus Zirkus, Varieté und übergroßer Spieluhr gestaltete Bühne. Das bis in die kleinste Rolle exzellent besetzte Ensemble der Nebenfiguren und der exzeptionell singende wie agierende Balthasar-Neumann-Chor schaffen eine geradezu ...
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Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 32
von Thomas Seedorf
Für ihren Abschied hat sich die Chefin ein Wunschkonzert ausgedacht. Wenn Simone Young am Vormittag des 5. Juli zum letzten Mal als Generalmusikdirektorin vor die Hamburger Philharmoniker tritt, wird sie ein garantiert mehrheitsfähiges Programm dirigieren. Ein Kessel Buntes soll da brodeln, für jeden Geschmack ein Schmankerl. Aus 41 Titeln konnte das Publikum vorab...
Natürlich ist es reiner Zufall, dass zeitgleich zur Braunschweiger «Peer Gynt»-Premiere in München NS-Kunst aus dem Depot geholt und mit Zeitgenossen konfrontiert wurde. Wird da aus dem Keller heraufgezerrt, was im Rahmen einer (verspäteten) Entnazifizierungsdebatte dorthin verbannt wurde? Auch in Cottbus war Werner Egks Ibsen-Destillat aus dem Jahr 1938 ja...
Jeder weiß, was gespielt wird. Von Anfang an. Und es sieht schwer danach aus, dass in dem braunschwarz furnierten Wohnregal, das Herbert Murauer auf die Bühne der Stuttgarter Oper gewuchtet hat, nicht die erste Swinger-Übung läuft. Was die drei Damen und die drei Herren schon so alles ausprobiert haben, wenn sich der Vorhang quietschend für das nächste Abenteuer...
