Finger von den Tasten!
Als Fritz Busch in den 1930er-Jahren in Glyndebourne Mozart aufführte, ließ er die Rezitative selbstverständlich von einem Konzertflügel begleiten. Erst nach 1950 sollte sich das Cembalo als Begleitinstrument durchsetzen – bei Mozart, bei Rossini und noch für eine späte Oper mit recitativi semplici wie Donizettis «Liebestrank» von 1832.
Diese Entscheidung beruhte offensichtlich auf einem Missverständnis: Wenn man in Italien im 19. Jahrhundert vom «cembalo» sprach, meinte man das moderne Klavier.
So haben inzwischen manche Dirigenten in Rossinis «Barbier von Sevilla» das Cembalo durch ein Hammerklavier ersetzt. Und sind damit einem zweiten Missverständnis zum Opfer gefallen, denn sie zwingen dieser Musik einen Klang auf, der zu jenen Zeiten auch schon als von gestern galt.
In der italienischen Oper wurden Rezitative spätestens seit 1800, vielleicht aber auch schon früher von zwei solistischen Streichinstrumenten begleitet: Der Kontrabass gab den Basston vor, das Violoncello improvisierte darüber arpeggierte Akkorde. Ob zusätzlich auch noch ein Tasteninstrument mitspielte, ist für die Jahre um 1800 unklar, für die Zeit nach 1820 jedoch mit Sicherheit auszuschließen. Aufgrund des ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Magazin, Seite 82
von Anselm Gerhard
Vanessa schaut sich einen Film an. Auf der Leinwand flimmert sie selbst in Schwarzweißbildern, gestylt wie eine Diva aus der Stummfilmzeit. Sie lebt ganz in ihren Erinnerungen an die große Liebe mit Anatol, wartet schon seit 20 Jahren auf seine Rückkehr. Als dann wahrhaftig ein Mann namens Anatol erscheint, ist es nicht der Geliebte von einst, sondern dessen Sohn,...
Tallinn, Ende August. Es gießt in Strömen. Die stolze Hansestadt liegt unter grauen Schleiern, die Stimmung ist herbstlich. Tiefe Pfützen stehen auf dem Weg zur Noblessner Foundry, einer ehemaligen sowjetischen U-Boot-Fabrik, in der die Uraufführung von «Adam’s Passion» stattfinden wird. Das Regenwasser kriecht hinein bis in den Vorraum, Pappen dienen als...
Van der Aa? Kennen wir nicht. Schreker? Nie gehört. Gluck? Mmm, da war doch was. Hat der nicht mal ein Stück für Paris geschrieben? Mit Unterwelt und so? Bis auf diese uralte Love Story gehört, was Serge Dorny zur elften Ausgabe des Frühlingsfestivals der Opéra de Lyon auftischt, wahrlich nicht zum kassensicheren Kernbestand des Repertoires. Schon gar nicht in der...
