Experimente willkommen
Konservative Kulturauguren orakeln gern über den ach so segensreichen, straff zentralistischen alten Nationalstaat, in dem die Hauptstadt alles, der Rest «Provinz» ist. Nun gilt dies nicht einmal für die Paradebeispiele Frankreich und England, wo sich die «Wasserkopf»-Funktion von Paris oder London lähmend für das ganze Land auswirkt. Denn das Widerspiel von Zentralisierung und Dezentralisierung spielte hier immer wieder eine Rolle, obwohl die Hauptgelder meist doch im Zentrum, zumal in Paris, blieben – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz.
Das bedauerliche Ende der Avantgarde-Musikfestivals in Royan wie Metz jedenfalls war ein Lehrstück. In Russland und Italien wirkte immerhin der Antagonismus Moskau-Sankt Petersburg respektive Rom-Mailand der allzu starren Fixierung auf die Kapitale entgegen. Deutschland hat das Fehlen einer «richtigen» Hauptstadt, die produktive Rivalität von Residenzen und Freien Reichsstädten eine eminente kulturelle Vielfalt beschert.
Dass Prag Herzstück der Tschechischen Republik ist, steht außer Frage. Aber auch hier ist das Bild variantenreicher: Das Janácek Festival im mährischen Brünn hat traditionell Gewicht. Die andere mährische Großstadt, Ostrava, mit ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Gerhard R. Koch
Es gab kein Halten, 75 Aufführungen in Folge: Um einen solchen Erfolg hätte selbst ein Rossini seinen damals noch weitgehend unbekannten Kollegen Meyerbeer beneiden können. Dessen dritte italienische Oper (von sechs) schlug 1819 in Venedig ein wie ein Blitz. Das lag kaum an der mehr als umständlichen Intrige, sondern am unerhörten, weil dezidiert romantischen...
Ein Tisch steht auf der Bühne, darauf liegt ein Berg alter Kleidung. Tot die, die sie getragen haben: Den Mann und fünf Söhne hat die Irin Maurya an das Meer verloren, nur der sechste, Bartley, blieb ihr noch. Und der will heute, bei Sturm, hinausfahren. Unterdessen quält sich Königin Dido, weil sie Aeneas liebt und doch dem verstorbenen Gatten treu bleiben...
Der berührendste Moment gelingt Regisseurin Vera Nemirova, als sie zu Beginn des dritten Akts Beckmesser ein imaginäres Orchester dirigieren lässt. Mutterseelenallein steht der Stadtschreiber vor dem Halbkreis aus Stühlen und Notenpulten und schwingt den Taktstock. Da träumt ein Außenseiter, der die Kunst liebt, aber leider völlig unbegabt ist, vom beglückenden...
