Der geweitete Blick

Das Künstlerkollektiv Nico and the Navigators feiert sein 20-jähriges Bestehen mit dem Musiktheater «Die Zukunft von gestern» in den Berliner Sophiensaelen

Opernwelt - Logo

Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch? Nun ja, manchmal ist ein Tisch nicht mehr als ein bemühtes Requisit, hier aber ist er ein Füllhorn an Geschichte(n). An diesem Tisch (graues Resopal) haben sich Tragödien ereignet, individuelle, familiäre, gesellschaftliche; Tragödien, die stets am Rande der Groteske wohnen und doch tief ins Innere der Protagonisten blicken lassen, wo die allzu täglichen Qualen wohnen.

Also legt sie mächtig los, die Dame in ihrem strengen Faltenrock und züchtig dekolletierter Bluse.

Klappt das (imaginäre) Familien­album, das sie mit sich herumträgt im blondbesträhnten Kopf, weiträumig auf, entblättert all ihren Kummer und Zorn. Binnen Minuten schrumpft die heilige Konstellation zu einem Kosmos aus Katastrophen, Klüngeleien und Komödien, die sich einst an diesem oder einem anderen Tisch wohl abgespielt haben mögen. Wie die Schauspielerin Annedore Kleist das auf der kongenialen, zu einer Garage sich schichtenden Projektionswände-Bühne von Oliver Proske vermittelt, ist nicht nur herrlich komisch. Es ist zugleich so unendlich traurig. Die Zwiebel, gehäutet, legt einen erschütterten Kern frei, und selbst die meist sanft-untergründige Musik vermag ihn nicht mehr ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Makellos gepflegt

Gemessen an den Preisen, die sie bislang abgeräumt hat – beispielsweise den Beverly Sills Award der Met (2018) und den Richard Tucker Award (2017) –, ist es schon fast erstaunlich, dass Nadine Sierra (30) erst jetzt bei einem Major Label ihr CD-Debüt gibt. Zumal die aus Florida stammende Sopranistin mit familiären Wurzeln in Puerto Rico und Portugal ziemlich genau...

Scham und Schande

Ein Klang zerschneidet die Stille der Nacht. Reißt ein Loch in die Welt des Traumes, aus dem die junge Mutter gerade in diesem Augenblick wie trunken ans dämmrige Licht taumelt, orientierungslos, einsam verloren. Niemand da, der ihr helfen, sie stützen könnte, nur diese Solo-Violine, die in der höchsten Lage schmerzensreiche Töne von sich gibt und die Erinnerung...

Zu viel Distanz

Die Welt ist eine Scheibe. Die Scheibe eine Arena. Sandfarben, backofenwarm ausgeleuchtet von Alex Brok. Dennoch will irisierende Stimmung nicht aufkommen. Es fehlen die Zuschauer, ihr Gejohle und Geraune, es fehlt das Flair des Stierkampfs. Es fehlt das Klischee. Lotte de Beer deutet Mérimées sevillanische Atmosphäre am Essener Aalto-Theater nur in den Kostümen...