Der alte Günstling
Bei der Uraufführung 1935 in der Semperoper (unter Karl Böhm) war klar, zu welcher Partei der Held in Rudolf Wagner-Régenys Oper «Der Günstling» zu rechnen ist: Gil, der einfache Mann aus dem Volk, der sich opfert, um den mächtigen, fremdländischen Günstling auszuschalten und so die alte Missherrschaft zu beenden, vertrat die neue nationalsozialistische Zeit. Das Stück wurde schnell zu einer der beliebtesten zeitgenössischen Opern. Wagner-Régenys Karriere nach 1945 stand das nicht im Wege: Er wurde in der DDR ein erfolgreicher Komponist und Lehrer.
Verkörperte der Plebejer nicht auch die neuen sozialistischen Ideale? Weil Brechts Mitstreiter, der Bühnenbildner Caspar Neher, das Libretto verfasst hatte, konnte man mit dem «Günstling» an die linke Kultur der Weimarer Republik anschließen.
2010 ist im Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz aus dem «Günstling» eine Oper zum Aufstand gegen die Günstlingswirtschaft der DDR geworden. «Wir sind das Volk» steht auf dem Vorhang und reiht die Neuinszenierung in die theatralischen Gedenkfeiern zum Jubiläum des Mauerfalls ein. Regisseur Paul Flieder ist auch Journalist, Dokumentarfilmer und Berichterstatter aus Krisengebieten. ...
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