Böse, böse

Richard Jones zieht in Glyndebourne Hector Berlioz’ «La damnation de Faust» als mephistophelische Groteske auf, Robin Ticciati lässt sie mit dem London Philharmonic Orchestra in allen Farben funkeln

Opernwelt - Logo

«Le vieil hiver a fait place au printemps;/ La nature s’est rajeunie»! Die Strecke von Lewes nach Glyndebourne – ein lockerer Vier-Meilen-Marsch – ist ohne Weiteres zu Fuß zu schaffen. Auf den Kreidekämmen der South Downs hat der Frühling nicht minder mächtig zugeschlagen als auf den ungarischen Feldern in Berlioz’ «Damnation de Faust». Sogar einen Hirten gibt es. Allerdings sieht der nicht festlich aus, sondern verschwitzt: Er ist dabei, seinen Schafen eine Wurmkur zu verpassen.

Der Pfad zum Opernhaus führt geradewegs durch empörtes Blöken, stiebende Wolle und jede Menge Köttel. Das Gatter bewacht ein sturer Hütehund: Prosaik versus Pastorale. Passt doch: Bei Berlioz bleibt das D-Dur-Idyll der ersten Szene auch nur bis Takt 6 ungetrübt.

Hinter dem Theater sonnen sich die brandneuen Werkstätten, dunkle Giebel huldigen den alten Scheunen der Region. Das geschwärzte Holz hat Bühnenbildnerin Hyemi Shin gleich in die «Damnation» einfließen lassen. Hoch überragen finstere Galerien die Spielfläche, im Schummerlicht leuchten Geweihe: Im Hörsaal versammeln sich Böcke zum teuflischen Lehrstück. Ihr Meister lässt auch nicht lang auf sich warten.

Méphistophélès ist, an Auftritten und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Wiebke Roloff Halsey

Weitere Beiträge
Vor Gericht

Die Szene ist Legende. Weil sie so mysteriös ist, buchstäblich von Schlummerwolken umkränzt. «Götterdämmerung», zweiter Aufzug, erste Szene. Ein Mann sitzt, schwer bewaffnet, am Flussufer vor der Gibichungenhalle und schläft. Aber er schläft mit offenen Augen. Träumt er, dämmert er vor sich hin? Oder macht er nur ein kleines Brecht’sches Nickerchen, in dessen...

Mit den Augen eines Kindes

Gebratzte Posaunentöne fallen über die Trompeten her. Straucheln, weichen zurück, formieren sich neu. Ein Tenor ruft zum Gegenangriff: Stählerne Fanfaren schießen aus neun Trichtern, am Himmel kreisen Elektroklänge, zwischen den Fronten die Hörer. Vor, hinter und neben ihnen rennen und stolpern behelmte Instrumentalisten vorüber, Stühle erzittern unter...

Die Partitur als Stadtplan

Die Frage lässt sich wohl kaum intuitiv beantworten und hat mit persönlichem Geschmack wenig zu tun: Machen die Musiker wirklich das, was der Komponist sich vorgestellt hat? Auch der Blick in den Klavierauszug gibt nur pauschal Auskunft. Um hier tiefer einzudringen, bedient sich der an vielschichtigem Verstehen interessierte Hörer dessen, was der Dirigent...