Böse, böse
«Le vieil hiver a fait place au printemps;/ La nature s’est rajeunie»! Die Strecke von Lewes nach Glyndebourne – ein lockerer Vier-Meilen-Marsch – ist ohne Weiteres zu Fuß zu schaffen. Auf den Kreidekämmen der South Downs hat der Frühling nicht minder mächtig zugeschlagen als auf den ungarischen Feldern in Berlioz’ «Damnation de Faust». Sogar einen Hirten gibt es. Allerdings sieht der nicht festlich aus, sondern verschwitzt: Er ist dabei, seinen Schafen eine Wurmkur zu verpassen.
Der Pfad zum Opernhaus führt geradewegs durch empörtes Blöken, stiebende Wolle und jede Menge Köttel. Das Gatter bewacht ein sturer Hütehund: Prosaik versus Pastorale. Passt doch: Bei Berlioz bleibt das D-Dur-Idyll der ersten Szene auch nur bis Takt 6 ungetrübt.
Hinter dem Theater sonnen sich die brandneuen Werkstätten, dunkle Giebel huldigen den alten Scheunen der Region. Das geschwärzte Holz hat Bühnenbildnerin Hyemi Shin gleich in die «Damnation» einfließen lassen. Hoch überragen finstere Galerien die Spielfläche, im Schummerlicht leuchten Geweihe: Im Hörsaal versammeln sich Böcke zum teuflischen Lehrstück. Ihr Meister lässt auch nicht lang auf sich warten.
Méphistophélès ist, an Auftritten und ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Wiebke Roloff Halsey
Die Szene ist Legende. Weil sie so mysteriös ist, buchstäblich von Schlummerwolken umkränzt. «Götterdämmerung», zweiter Aufzug, erste Szene. Ein Mann sitzt, schwer bewaffnet, am Flussufer vor der Gibichungenhalle und schläft. Aber er schläft mit offenen Augen. Träumt er, dämmert er vor sich hin? Oder macht er nur ein kleines Brecht’sches Nickerchen, in dessen...
Gebratzte Posaunentöne fallen über die Trompeten her. Straucheln, weichen zurück, formieren sich neu. Ein Tenor ruft zum Gegenangriff: Stählerne Fanfaren schießen aus neun Trichtern, am Himmel kreisen Elektroklänge, zwischen den Fronten die Hörer. Vor, hinter und neben ihnen rennen und stolpern behelmte Instrumentalisten vorüber, Stühle erzittern unter...
Die Frage lässt sich wohl kaum intuitiv beantworten und hat mit persönlichem Geschmack wenig zu tun: Machen die Musiker wirklich das, was der Komponist sich vorgestellt hat? Auch der Blick in den Klavierauszug gibt nur pauschal Auskunft. Um hier tiefer einzudringen, bedient sich der an vielschichtigem Verstehen interessierte Hörer dessen, was der Dirigent...
