Blühende Fantasie
«Götterdämmerung» als Demonstration der Vererbungslehre? Wenn Hagen nach Siegfrieds Tod in einer brutal ausgespielten Szene seine Halbschwester Gutrune vergewaltigt, kann man diese Tat ganz aus den Genen begründen: Hatte sein Vater Alberich bei der Zeugung des Sohnes nicht einst Grimhild, der Herrschersgattin im Hause Gibichungen und Mutter von Gunther und Gutrune, ebenfalls sexuellen Zwang angetan? Man ist erstaunt, auf welche Ideen Anthony Pilavachi bei der Umsetzung des monumentalen Stoffes kommt, freilich immer gegründet auf genauester Werkkenntnis.
Und auf einer wahrhaft blühenden Fantasie. Warum nicht, so hat er sich offenbar gefragt, die Brünnhilde des ersten Akts als züchtige Hausfrau darstellen im Kreis ihrer neun teilweise mit Flügelhelmchen ausstaffierten Kinder? Nichts Heroisches hat sie an sich, wenn sie in eitel-dümmlicher Selbstbezogenheit der Walkürenschwester Waltraute die Rückgabe von Siegfrieds Liebespfand, dem Ring, an die Rheintöchter verweigert. Auch könnte die tiefe Erniedrigung, die sie im zweiten Akt erfährt, nicht besser vorbereitet sein: wenn sie dann als geschändete Frau am Hof der Gibichungen vorgeführt wird, mit wirrem Haar, ungeordneter Kleidung und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Herr Steffens, Ihr «Ring»-Projekt für Halle und Ludwigshafen hat in beiden Städten nicht nur Begeisterung ausgelöst. Braucht Ludwigshafen wirklich einen eigenen «Ring», wenn nebenan in Mannheim auch einer angeboten wird? Und braucht Halle einen «Ring», wenn man Wagner auch gleich um die Ecke in Leipzig hören kann?
Mich stört dieses Zuweisungsdenken. Es kann doch...
Es ist ein starkes Bild, das haften bleibt: Ein schier nicht enden wollender Menschenstrom hastet an einer riesigen Uhr vorbei, deren Zeiger sich viel zu schnell und rückwärts drehen. Wo sind wir? Was bedeutet das? Die Szene steht beispielhaft für das, was sich in den 18 Szenen mit Prolog und Epilog von Michael Obsts Stück «Die andere Seite» abspielt. Rund 100...
Clemens Krauss ist zweifellos einer der wichtigen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, aber auch eine Reizfigur. Letzteres vor allem deswegen, weil er ab 1936 die Münchner Oper leitete und sich noch 1942 zum Chef der Salzburger Festspiele erklären ließ. Sich mit den Nationalsozialisten zu arrangieren und Kollegen zu ersetzen, die um ihre Stellung gebracht wurden...
