Bedeutungsschwangerschaften

Calixto Bieito und Manfred Honeck arbeiten an der Staatsoper Stuttgart Wagners «Parsifal» durch

Opernwelt - Logo

Wieder einmal herrscht Endzeitstimmung in der Staatsoper Stuttgart. Wie schon in seiner Inszenierung des «Fliegenden Holländer» vor zwei Jahren (siehe OW 3/2008) stellt Calixto Bieito seine Auseinandersetzung mit Wagners «Parsifal» unter den Aspekt universeller Zerstörung. Den Zuschauer empfängt, noch bevor das Vorspiel einsetzt, eine apokalyptische Landschaft – Trümmer einer geborstenen Brücke, verbrannte Baumstämme, dichtes Unterholz. Brandschwaden und das glasige Licht eines sonnenlosen Tages lassen vermuten, dass die Katastrophe noch nicht so lange zurückliegt.

Einzelne versprengte Menschen sind zu sehen: eine inbrünstig Betende; eine hilflos umherirrende Schwangere; ein Mann im Strahlenschutzanzug; einer, der durchs Gestrüpp stolpert (Wagners 2. Gralsritter); einer, der ständig das Beil schwingt. Schließlich ein Hüne mit Rucksack: Gurnemanz, der Einzige in diesem zerlumpten, allmählich aus allen Ecken hervorkriechenden Haufen von Überlebenden (viele mit Gasmasken), der so etwas wie Autorität besitzt. Beklemmend später der Auftritt von Amfortas, der seine eigene Badewanne – im dritten Akt der Sarg Titurels – schleppt.

Immer wieder findet Bieito in seiner dichten, genau ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die neue «opernwelt» ist erschienen

Gleich zwei Mal heißt es in diesem Monat «Happy birthday»: Dietrich Fischer-Dieskau feiert am 28. Mai seinen 85. Geburtstag, und eine große Sängerin wird gar 100: Für Magda Olivero begann das Feiern schon am 25. März. Die dritte Jubilarin Giulietta Simionato, die ebenfalls gewürdigt wird, starb leider eine Woche vor ihrem 100. Geburtstag am 5. Mai.

Ebenfalls in der...

Heilige, Hexen und Huren

Das Positive vorab: Mit der Uraufführung von «Luther», der so bezeichneten «neoromantischen Oper» von Roland Baumgartner und Rolf Rettberg, hat das Theater Hof seine Leistungsfähigkeit bewiesen. Über zwanzig Solisten, dazu Chor, Extrachor, Kinderchor, Ballett und Statisterie summieren sich – die Bühnenmusik und die agilen Hofer Symphoniker unter Musikdirektor Arn...

Scherz, Satire und tiefere Deutung

Darauf muss man erst mal kommen. Juno, die große Abwesende, die Unsichtbare, mischt von Anfang an mit. Normalerweise regt sich die hohe Dame erst im letzten Aufzug coram publico über die erotischen Eskapaden ihres Göttergatten Jupiter auf. Bis dahin schmollt sie stumm im Off – so steht’s im «Platée»-Textbuch von Adrien-Joseph Le Valois d’Orville und in den Noten...