Ausgefeilt

Puccini: Tosca
Helsinki | Nationaloper

Opernwelt - Logo

Langsam schreitet eine weiß gepuderte und perückte Adelsgeselllschaft zum Te Deum in die von Christian Schmidt naturalistisch nachgebaute römische Kirche Sant’ Andrea della Valle. Ein greiser Kardinal führt die Riege stocksteifer katholischer Würdenträger an. Scarpia singt sich währenddessen in einen solchen sexuellen Rausch, dass er sein Umfeld überhaupt nicht bemerkt: «Tosca, Du machst mich Gott vergessen.

» Erschrocken erkennt er in diesen letzten Takten des ersten Akts die religiöse Autorität, realisiert die eigene Gotteslästerung und küsst unterwürfig den Ring an der Hand des Rotgewandeten.

Eine schaurige Szene. Ist Scarpia, der Täter, also auch Opfer? Bedingen sich die beiden Unterdrückungssysteme von alter Kirche und (nach Napoleons Niederlage wiedererstarktem) Aristokratenpolizeistaat nicht unmittelbar? Mag sein. Das Bespitzeln schützt wie das wissende Hinwegschauen über die Schweinereien des anderen die eigene Haut. Wahrhaftige Privatheit erlauben diese Mechanismen längst nicht mehr. Stets ist in den großen Duetten noch eine dritte Person anwesend. Cavaradossis Lehrling, den Christof Loy hinzuerfindet, mischt also für die Eingangsarie seines Meisters («Recondit’ ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2018
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Aus dem Glutkern der Songs

Ich besuche Kirill Serebrennikov Anfang August 2017 in Kronstadt. Im ehemaligen Kulturhaus der Baltischen Flotte dreht der Regisseur Sequenzen seines neuen Films. Weniger ihm als seiner engsten Mitarbeiterin steht der Stress der vergangenen Monate ins Gesicht geschrieben, auch die Stinkefinger-Brosche an ihrem Kleid kann darüber nicht hinwegtäuschen: Als der...

Auf Grund gelaufen

Das Stück berührt immer noch. In der als inszeniertes Konzert angekündigten Aufführung von Henzes Dokumentar-Oratorium «Das Floß der Medusa» in der Bochumer Jahrhunderthalle gerät das Werk allerdings in seichtes Gewässer und läuft, um im Bild zu bleiben, ähnlich spektakulär auf Grund wie die Fregatte «Medusa» 1816 bei dem Versuch, den Senegal für Frankreich...

Vielversprechend

Alles fängt schon vor dem Anfang an. Ein herrischer Herr mit Leuchtspeer schreitet aus dem Hintergrund, vorne lauert angriffig eine proletenhafte Gestalt. Fast eine Minute starren sie einander aus der Distanz stumm an, diese Verkörperungen von Macht und Ohnmacht, Licht und Finsternis, bevor das tiefe Es beginnt, dieses (hier offenbar als trügerisch entlarvte)...