Aus der Zeit gefallen
Wer Korngolds «Die tote Stadt» in Görlitz inszeniert, kann sich das Bühnenbild fast sparen. Zwar ist die Innenstadt inzwischen weitgehend saniert, doch die verlassenen Gassen und Plätze der vom Krieg unversehrten Stadt verströmen noch immer eine aus der Zeit gefallene Atmosphäre, die unmittelbar an das vergessene Vorkriegs-Brügge erinnert, das Korngolds Oper beschwört.
Kaum hat man sich dann auf seinem Platz im Rang des reich ausgezierten Theaters niedergelassen, um sich von Korngolds üppigem Orchesterklang in ein nostalgisch-morbides Fantasieland entführen zu lassen, wird man jäh ernüchtert. Statt im Orchestergraben befindet sich die Lausitzer Philharmonie auf der Hinterbühne. Auch wenn die Aufstellung die Kluft zwischen Bühne und Publikum abbaut und für die Sänger hilfreich ist, handelt es sich um einen gefährlichen Kompromiss. Denn nun bekommt man den Klangkörper nur im äußersten Fortissimo in seiner ganzen physischen Präsenz zu spüren. Dabei muss sich das hervorragend aufgelegte, unter Andrea Sanguineti farbenreich und in großen emotionalen Spannungsbögen aufspielende Orchester wahrlich nicht verstecken: Sein live produzierter Klang ist buchstäblich viel zu kostbar, um ...
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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Carsten Niemann
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