Aus dem Trichter gefallen
Wäre doch schön gewesen. Ein «Tannhäuser» aus dem Geist des Tanzes. Einer, der die Brüche des Werks auflöst in Bewegung, den Venusberg in Körperlogik, die mittelalterlichen Wurzeln in ein modernes Darstellungsformat, die Dualismen in einen subjektkritischen Denkhorizont. Der Sängerkrieg als Performance-Kunst. Nach allem, was Sasha Waltz bisher gemacht hat, wäre das möglich gewesen. Eine Verheißung. Und, an sich, ein kluges Engagement. Doch Deutschlands erfolgreichste Choreografin bleibt der Welt einen «Tannhäuser» schuldig.
Zu sehen ist eine kreuzbrave Aufführung, die sich von – sagen wir – einer des seligen Wolfgang Wagner nur dadurch unterscheidet, dass eine 18-köpfige Tanztruppe um die Sänger herumhüpft und putzig den Text verdoppelt. Wenn im zweiten Akt von Lust die Rede ist, rubbeln die Tänzer den Tänzerinnen an den Brüsten. Wenn Tannhäuser sich zu Venus bekennt, putzen Frauen ihre Männer am Revers: Wie, du vielleicht auch? Der zweite Akt setzt die Holzrippenverkleidung des Schiller Theaters auf der Bühne fort: ein Society-Event der 50er-Jahre? Das TV-Ballett passt dazu, wobei spastische Zuckungen und gespielte Erschöpfung jegliche Personenführung ersetzen. Die Orgie des ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Stephan Mösch
Der Weg von Los Alamos nach Hiroshima führt durch ein Labyrinth von Formeln. Physikalisch gesehen – und bildlich in dieser Inszenierung. Weniger als ein Monat lag zwischen dem erfolgreichen Nuklearwaffentest der USA im Juli 1945 und den verheerenden Atombombenabwürfen der Amerikaner auf Hiroshima und Nagasaki. Ein Menetekel der Menschheitsgeschichte.
Beklemmend...
Die Wiederveröffentlichung von Ton- und Bildmaterial aus dem Katalog ist angesichts rückläufiger Umsätze für die großen Klassik-Labels zu einem wichtigen Geschäftszweig geworden. Kein Jubiläum, das nicht für die Zusammenstellung einer CD- oder DVD-Box genutzt würde. Der Griff ins Archiv kostet so gut wie nichts, und alte Einspielungen lassen sich, zumal in neuer...
Es scheint dem Intendanten Frédéric Chambert ein besonderes Anliegen zu sein, der Gegenwart in der BelcantoStadt mehr Platz einzuräumen. Für den als Auftragswerk des Théâtre du Capitole soeben uraufgeführten Dreiakter «Les Pigeons d’argile» wandte er sich an Philippe Hurel, einen Komponisten aus Pierre Boulez’ IRCAM. Bislang hatte sich Hurel auf Instrumental- und...
