Auf der Pirsch
Schon während der Ouvertüre läuft das Verbeugungsritual ab. Figaro und Susanna, Graf und Gräfin, Marcellina und Basilio nehmen ihre Solovorhänge entgegen, zeigen große Freude über die offenbar gelungene Aufführung. Doch schnell bröckelt die Fassade, Eitelkeiten und Intrigen brechen durch, schließlich prügeln sie sich wie die Kesselflicker. In dieser Truppe stimmt was nicht, und nach dem Ende der imaginierten Vorstellung, sprich: Mit Beginn von Mozarts «Le nozze di Figaro» in der Lettischen Nationaloper geht das richtige Leben los.
Der fulminante Beginn von Vera Nemirovas Inszenierung wirkt auch deshalb so eindringlich, weil das Rigaer Publikum enthusiastisch applaudiert, noch bevor es den ersten gesungenen Ton gehört hat. Dann öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei in einen Garderobenraum, wo beim Abschminken die Verhältnisse neu geordnet werden. Ein schwebender Zwischenort, in dem die Regisseurin das Theater als Gegen- und Abbild der Feudalgesellschaft zeigt: der Graf als Intendant, Figaro und Susanna als untergeordnete Kräfte, die Gräfin als Primadonna, an welcher der Prinzipal inzwischen das Interesse verloren hat. Figaro misst nicht das Bett aus, sondern zeigt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Was macht eine gelangweilte Hausfrau, wenn ihr lustloser Ehemann Teddypullover trägt? Genau! Sie sucht sich einen Liebhaber. Das klingt nach Boulevard, ist es aber nicht. Es ist trostlos. Und erschreckend normal. So, wie Tilman Knabe am Mannheimer Nationaltheater Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» inszeniert hat, sieht es wohl in vielen Familien aus, die...
I. So einen Vogelmenschen haben sich Mozart und Schikaneder sicherlich auch in kühnen Träumen nicht vorgestellt. Papagenos Hut ist ein großer Adlerkopf mit Hakennase und glühend roten Augen. An den Seiten recken sich weiße Schwingen zum Himmel. Dieser Papageno tänzelt und turnt, als könne er jederzeit abheben vom schnöden Erdenboden und aufflattern zu den Vögeln....
Im niederschlesischen Wroclaw, zu dem man wieder Breslau sagen darf, ohne als Revanchist verdächtigt zu werden, steht ein luxuriös restauriertes Opernhaus, samtweich und goldglänzend. Aber weil sich die Handwerker auch nach der offiziellen Eröffnung noch ungebührlich viel Zeit lassen, weicht die Intendantin weiter aus. An den verrücktesten Orten hat sie schon...
