Eine Dreiecksgeschichte – weiter nichts?
Dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, darin ist sich Andrea Moses, die jetzt in Stuttgart Bergs «Wozzeck» herausgebracht hat, mit Karl Marx, aber auch mit Michel Foucault einig. Sie holt Bergs bedrückende Musikalisierung von Büchners Parabel in die unmittelbare Gegenwart und rückt sie den Zuschauern hautnah auf den Leib.
Christian Wiehles Drehbühne zeigt ein Schützenhaus – ein verschachteltes Gebilde von Innen- und Außenräumen mit Schießanlage (samt überdimensioniertem Opernglas als Zielscheibe!) im Zentrum.
Der schwadronierende Hauptmann mutiert zum Vereinsvorsitzenden, der gockelhafte Tambourmajor zum Schützenkönig, der zynische Doktor zum Komplizen der Pharmalobby, Wozzeck zum schikanierten Hausmeister, Marie steht an der Theke, Margret ist die kesse Bedienung, die Kinder spielen Indianer. Die Soldaten, Handwerksburschen und Dienstmägde Bergs werden detailscharf als verspießerte Bürger der Jetztzeit vorgeführt, die sich noch in der Kneipe die Langeweile mit Waffen vertreiben. Im Übrigen geht es handfest zu. Die resolute Marie und der Tambourmajor treiben es auf dem Motorrad, mit dem der brutale Sexprotz sie rumkriegt. Wozzeck ersticht Marie im Hinterhof, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Uwe Schweikert
Kaum vorstellbar, dass das Stück zu Zeiten seiner Uraufführung knapp an mehreren Skandalen vorbeischrammte. So musste Boris Blachers «Preußisches Märchen», eine originelle Variante auf das «Hauptmann von Köpenick»-Thema, wegen seiner Kritik an Militarismus und Obrigkeit erst mehrere Parlamentsdebatten und Textabschwächungen durchstehen, bevor es zur Uraufführung...
Manchmal werden ja wirklich Dinge beim zweiten Mal präziser, logischer, auch schöner. So ist es jetzt jedenfalls David Alden widerfahren. Der scheint sich neuerlich auf längere Regiesicht mit Händel zu beschäftigen, so wie er es früher in seiner meist hollywoodbunten, quietschigen Inszenierungsreihe an Peter Jonas’ Bayerischer Staatsoper vollführt hat. Nach seiner...
In der Kassenhalle des Kroatischen Nationaltheaters stehen Monitore, auf denen unentwegt tonlose Clips von Inszenierungen des Hauses laufen. Sie geben eine erste Vorstellung davon, wie sich das Dreispartenhaus ästhetisch positioniert. Auf dem Gebiet der Oper scheint die Devise zu lauten: Weg vom Museum, Anschluss ans zeitgenössische Musiktheater, aber keine...
