Schöne Fremde
Bereits zu ihrer Entstehungszeit wurde Vincenzo Bellinis vierte Oper «La straniera» kontrovers aufgenommen: Während das Drama um eine untergetauchte Franzosenkönigin («Die Fremde») den Geschmack des Publikums traf, das nach bizarren mittelalterlichen Schauergeschichten dürstete, bemängelten die Kritiker die Kurzatmigkeit der melodischen Empfindung.
Letzteres lag freilich durchaus in der Absicht des aufstrebenden Komponisten: Um das Diktat des Rossini-Stils abzuschütteln, bemühte sich Bellini um eine möglichst akribische Illustration des Librettos von Felice Romani – das konzertant-virtuose Element sollte einer stärkeren psychologischen Plastizität der Charaktere weichen, die Arien soweit als möglich in den dramatischen Zusammenhang eingebunden werden. Dabei tat der 28-Jährige des Guten allerdings etwas zu viel: Die verhakelten Ensembleszenen entwickeln mit ihren häufigen Rhythmuswechseln nicht die Zugkraft, die Bellini schon ein Jahr darauf mit seiner Romeo-und-Julia-Oper «I Capuleti e i Montecchi» erreichte, und bis auf wenige Ausnahmen (wie die Bariton-Arie «Meco tu vieni» im zweiten Akt) fehlen die großen Bellini-Kantilenen, die die emotionalen Extremsituationen der hanebüchenen ...
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