Hände hoch
Bedürfen Johann Sebastian Bachs Passionsmusiken szenischer Vergegenwärtigung? Ist ihre Botschaft, ihre Tiefe für die meisten Zuhörer heute nur noch nachzuvollziehen, wenn die Leidensgeschichte Jesu bebildert wird? Ohne visuelle Reize, ohne Aktion, so scheint es, sind die großen Oratorien des fünften Evangelisten kaum mehr an ein Publikum zu vermitteln, das den Bedeutungsfaden des Karfreitagsgeschehens weitgehend verloren hat.
Immer wieder haben sich Choreografen und Regisseure an Bachs geistlichen Hauptwerken abgearbeitet – ohne ihrer musikdramatischen Substanz Entscheidendes hinzuzufügen. Und doch ist das Bedürfnis weit verbreitet, die Sache mit dem Gottessohn auf der Bühne anzuschauen, als humane Tragödie, mit dem «ecce homo»-Ruf des Pontius Pilatus als Angelpunkt.
Auch Peter Sellars, nach einer erfolgreichen Einrichtung der «Matthäus-Passion» vor vier Jahren erneut bei den Berliner Philharmonikern aktiv, weiß, dass einer entzauberten Lebenswelt religiöse Narrative, zumal in kompositorisch verdichteter Form, fremd geworden sind. Seine Inszenierung der «Johannespassion» in der Philharmonie zielt freilich nicht auf Illustration des Handlungsbogens, sondern auf eine aus Gesten und ...
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Opernwelt April 2014
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Albrech Thiemann
Er sei nicht interessiert daran, Märchen zu erzählen, hatte Carlos Wagner vorab gesagt. Und schon beim Auftritt des blütenweißen Strahleritters Lohengrin – im Gegenlicht, gezogen von einem in Ketten gelegten Gottfried – zeigt sich, was er mit «Märchen» meint: Verblendung, die nicht als solche erkannt wird. Carlos Wagner versucht der Geschichte vom Heilsbringer am...
Jedes Jahr am 12. Oktober bekam der junge Mauricio Kagel in Buenos Aires Magengrimmen. Denn an diesem Datum feiert Argentinien die Entdeckung Amerikas mit einem «Día de la raza» («Tag der Rasse»), dem Kolumbus-Tag, einem chauvinistischen Fest zu Ehren der Kolonialisierung. Dies lag Kagel schon aufgrund seiner jüdisch-russisch-deutschen Herkunft stets stagelgrün...
Man kennt das schon, jede Premiere eine Zitterpartie. Spielen sie noch oder streiken sie schon? Schon die Saisoneröffnung an der hoch verschuldeten Opera di Roma mit Verdis «Ernani» unter Riccardo Muti war im vergangenen November akut gefährdet, weil die Gewerkschaften mit einem Ausstand gedroht hatten. Im Dezember 2013 bekam das Haus einen externen Kommissar...
