Kurzkommentare

Opernwelt - Logo

Von Dietrich Fischer-Dieskau habe ich gelernt, dass es im Lied nicht um den Gesang oder die Stimme geht, sondern um das Erzählen von Geschichten. Schon bevor ich in seine Liedklasse kam, hat mich sein Umgang mit der unglaublichen Feinheit der Sprache fasziniert. Das Leben der Musik fängt erst an, wenn man sie von der Sprache her versteht. Das betrifft nicht nur die Artikulation, sondern zum Beispiel auch das Tempo: Wenn ich einen Text innerhalb des ­gegebenen musikalischen Rahmens erzählen kann, dann stimmt auch das Tempo.

Für Soprane, insbesondere in der hohen Lage, ist es natürlich schwerer, sprachliche Details zu gestalten, als für Männerstimmen, deren Singstimme der Sprechlage viel näher ist. Trotzdem bleibt der Anspruch. In diesem Denken der Musik aus der Sprache und als Sprache sind ­Fischer-Dieskau und Nikolaus Harnoncourt Brüder im Geiste. Ich kenne außer den beiden niemanden, der das so radikal gelebt und eingefordert hat. Und ich hoffe, dass die Tradition, die sich damit verbindet, nicht verloren geht.

Christine Schäfer
 

Wenn ich Lieder höre, ist Dietrich Fischer-Dieskau immer da. Meine erste Erinnerung an ihn ist allerdings eine Aufnahme von «Großer Herr, o starker ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Hommage Dietrich Fischer-Dieskau, Seite 40
von Christine Schäfer, Christian Thielemann, Thomas Hampson

Weitere Beiträge
Tektonische Verschiebungen

Das berüchtigte Buch über den angeblichen «Kulturinfarkt» war noch längst nicht auf dem Markt, als das Motto der dritten Kunstfestspiele Herrenhausen geradezu visionär mit der Formel «Fragiles Gleichgewicht» festgelegt wurde. Zu dieser programmatisch definierten Zerbrechlichkeit scheint zu passen, dass auch die diesjährige documenta mit dem Motto «Zusammenbruch und...

Bye-bye, Cerha

Man kann’s als eine dramaturgische Chance verstehen, dass Alban Berg seine «Lulu» nicht in abgeschlossener Form der Nachwelt hinterließ. Diesem Gedanken ist seit Friedrich Cerhas ingeniöser Rekonstruktion des dritten Akts nur noch selten nachgegangen worden; in Cerhas Version wurde das Werk wohl allzu selbstverständlich während der letzten dreißig Jahre von den...

Der alte Mann und das Meer

Streng geht es in Olga Neuwirths neuer Oper «The Outcast» zu, einem Auftragswerk des Nationaltheaters Mannheim. Ironische Postmoderne wie in Enno Poppes vier Wochen zuvor im nahe gelegenen Schwetzingen uraufgeführtem Intelligenzquotenspiel «IQ» ist ebenso wenig beabsichtigt wie geschmäcklerische Neoromantik à la Thomas Adès. Neuwirth geht aufs Ganze – übrigens auch...