Tektonische Verschiebungen
Das berüchtigte Buch über den angeblichen «Kulturinfarkt» war noch längst nicht auf dem Markt, als das Motto der dritten Kunstfestspiele Herrenhausen geradezu visionär mit der Formel «Fragiles Gleichgewicht» festgelegt wurde. Zu dieser programmatisch definierten Zerbrechlichkeit scheint zu passen, dass auch die diesjährige documenta mit dem Motto «Zusammenbruch und Wiederaufbau» einen Titel gewählt hat, der einem Lebensgefühl existenzieller Unsicherheit Ausdruck verleiht.
Keine Frage: Die Verhältnisse sind in Bewegung, und die tektonischen Verschiebungen im Zuge der globalen gesellschaftlichen Umbrüche treffen die Künste keineswegs zuletzt.
Dabei könnte man in Hannover – dem Gerede vom Kulturinfarkt zum Trotz – eigentlich sehr gelassen sein. Denn in Zeiten der Kulturkürzungsdebatten ist hier ein hoch ambitioniertes Festival vor gerade einmal zwei Jahren neu entstanden. Und zwar nicht gegen den Widerstand der Politik, sondern auf deren ausdrücklichen Wunsch. Elisabeth Schweeger, Gründungsintendantin des Festivals, weiß das zu schätzen: «Davor ziehe ich erst einmal meinen Hut. Ich habe das Gefühl, dass die Politik erkannt hat, dass Kultur ein notwendiger Bestandteil des Ganzen ist. ...
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Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Regine Müller
Palermo sorgt für die italienische Erstaufführung des «König Kandaules». Alexander Zemlinskys «verlorenes» Stück, von der Metropolitan Opera 1942 abgelehnt, aus Particellen und Skizzen durch den amerikanischen Musikwissenschaftler Antony Beaumont «vollendet» und erst 1996 in Hamburg uraufgeführt, wird mit erotischen Verlockungen beworben: ein dekadenter Stoff (aus...
Orchesterwerke von Detlev Glanert sind im Vereinigten Königreich bereits mehrfach in hochkarätigen Konzerten zur Aufführung gelangt. Sieht man einmal von einer 2007 im Rahmen eines Workshops präsentierten Deutung seines Kammeropern-Triptychons «Drei Wasserspiele» im Londoner Almeida Theatre ab, so ist die erste Glanert-Oper, die nun den Weg auf eine britische...
Gut 1000 Luftlinienkilometer liegen dazwischen, und was die Aufführungstradition betrifft, da ist die Entfernung gleich gar nicht mehr abzuschätzen. Wagner, das ist für die Bayerische Staatsoper Alltagsgeschäft, für die Oper Sofia der Ausnahmefall. Auch wenn dort seit 2010 pro Saison ein «Ring»-Stück gestemmt wird, so gleicht doch jede dieser Produktionen einer...
