Rasende Erwartung
«O Wort, du Wort, das mir fehlt!» Jäh endet der Torso der Schönberg-Oper: Moses scheitert an der Beharrlichkeit einer allzu abstrakten Gottesidee – Bruder Aron an seinem verführerisch gleißenden Populismus. Moses’ selbstquälerischer Ausruf enthüllt die ganze Tragik eines Propheten, der seinen Gott nur denken, ihn dem in Gefangenschaft darbenden Volk Israels aber nicht verkünden kann. Für Propaganda ist Aron zuständig.
Robert Hayward tastet und tapert als ein gebrechlicher, weltfremder, etwas schrulliger Mann Moses über die Bühne, seine Stimme in der Sprechrolle klingt weniger verzweifelt oder rebellisch als die seiner Rollenvorgänger, etwa Günter Reich, Rolf Boysen oder John Tomlinson. Ratlosigkeit und tiefe Resignation beherrschen diesen Moses: «So war alles Wahnsinn, was ich gedacht habe, und kann und darf nicht gesagt werden!» Umso geschwätziger Aron, John Daszaks geschmeidiger Tenor, der mit der rhetorischen Eleganz seiner Gesangskunst, seiner alerten Erscheinung dem Volk Vertrauen einflößt.
Kein «kostümiertes Oratorium» wollte Barrie Kosky aufführen. Auf der leeren, nach hinten sacht ansteigenden Terrassenbühne entfalten er und Bühnenbildner Klaus Grünberg kraftvoll Schönbergs ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Wolfgang Schreiber
Kein Wunder, dass Edvard Grieg abwinkte. Das Libretto, das Maurice Maeterlinck 1899 schrieb, um seiner singenden Lebensgefährtin gute Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen, eignet sich kaum für eine Oper. Mythos auf Märchen getürmt; symbolistische Übersteigerung, abgefangen durch krass realistische Raum- und Regievorstellungen; Seelenschau statt Narration; die...
Wer Korngolds «Die tote Stadt» in Görlitz inszeniert, kann sich das Bühnenbild fast sparen. Zwar ist die Innenstadt inzwischen weitgehend saniert, doch die verlassenen Gassen und Plätze der vom Krieg unversehrten Stadt verströmen noch immer eine aus der Zeit gefallene Atmosphäre, die unmittelbar an das vergessene Vorkriegs-Brügge erinnert, das Korngolds Oper...
Ach ja, die gute alte Helmina von Chézy. Ihre Reputation in der Musikgeschichte ist miserabel, dank ihrer Texte gelten so hochkarätige Kompositionen wie Schuberts «Rosamunde» und Webers «Euryanthe» als ungenießbar. Eine vorsichtige Ehrenrettung der frühen Journalistin und alleinerziehenden Mutter, die zumeist als schrille Nervensäge auftrat, bot Christoph Schwandt...
