Klingende Liebeskasuistik
Eine Oper ohne Szene ist wie eine Hochzeit ohne Braut. Was man sonst aus Italien oder Paris kennt, feierte in Deutschland seine Premiere: der streikbedingte Ausfall einer Uraufführung. Die Uneinsichtigkeit der Dienstleistungsgesellschaft Verdi, die mit dem Komponisten gleichen Namens nur die Dickköpfigkeit verbindet, hat dazu geführt, dass die Uraufführung von Gérard Pessons Oper «Pastorale» im Stuttgarter Opernhaus nur konzertant stattfinden konnte.
Mehr als dreitausend Arbeitsstunden gingen seit Februar in den Theaterwerkstätten verloren, so dass die geplante Ausstattung (Regie: Paul Curran, Bühnenbild: Kevin Knight) nicht fertig gestellt werden konnte. «Eine gnadenlose Niederlage», wie Intendant Klaus Zehelein zu Recht betonte – Niederlage nicht nur für die Kunst, sondern, bei allem Verständnis für die berechtigten Interessen ihrer Mitglieder, auch für die Gewerkschaft, zumindest für deren Streikleitung vor Ort. Theater sind keine profitorientierten Unternehmen und damit das ungeeignetste Ziel für einen Streik, der alle – Künstler, Besucher, aber auch die Bühnenarbeiter selbst – in Mitleidenschaft zieht.
Man hat in Stuttgart aus der Not eine Tugend gemacht – mit einer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Im historischen Teatro Nacional de São Carlos hangelt sich Alberich als Quereinsteiger aus der No-Future-Generation zur welterschütternden Tat. Nur mit roter Irokesenbürste und einem Wollhöschen bekleidet, das mehr schlecht als recht eine gewaltige Protuberanz verhüllt, kauert er auf einer güldenen Logenbrüstung, um sich an den Tutus und Pumps der drunten...
Ein Hörnerchor bereitet den Boden. Dann winden sich Solo-Celli traurig um einander. Aber nicht Agathe hebt, wie nach diesem Vorspiel zu erwarten, «leise, leise» ihren Nachtgesang an, vielmehr trauert die Mauren-Prinzessin Noraïme mit ebenso «frommer Weise» um Almanzor, der gleich aus nächtlicher Schlucht hochkraxeln wird. Dass Carl Maria von Weber Cherubini-Fan...
Die Mauern des Hinterhofes sind so hoch, dass man den Himmel nicht sieht. Manche der Fenster sind vergittert. Sie umrahmen die Tristesse von Arbeiterinnen an der Nähmaschine. Über ihnen könnte eine Aufseherpeitsche aus der Zarenzeit zischen. Oder die stalinistische Gewalt (der Entstehungszeit der «Lady») hängen. Oder auch die neue postsowjetische Trostlosigkeit....
