Mozart: Die Hochzeit des Figaro
Spätestens nach der spektakulären «Entführung» des Katalanen Calixto Bieito dürfte jedermann klar sein, worum es im Mozart-Zyklus von Berlins Komischer Oper geht: Der unauflösliche Gegensatz zwischen triebhaftem Sex und hehrem Gefühl ist das Leitmotiv, das sowohl Bieito wie auch Konwitschny in seinem «Don Giovanni» in ihren Inszenierungen herausgestellt hatten.
Auch beim «Figaro» des Australiers Barrie Kosky sind es die fleischlichen Begierden des gräflichen Oberrammlers, die hier zwar nicht die gesellschaftliche Ordnung, aber doch die geregelte Welt der Paarbeziehungen stören. Dass es im «Figaro» hauptsächlich um Sex geht, weiß die Welt nach zahllosen frech-frivolen Stadttheater-Inszenierungen freilich schon lange. Weit interessanter (und im Zusammenhang des Zyklus konsequenter) wäre es da gewesen, einmal wirklich zu fragen, ob Mozart nicht am Ende doch mit der Libertinage des Grafen und Cherubinos sympathisiert und ob das Zweisamkeitsideal von Gräfin, Susanna und Figaro nicht die tristere Alternative ist. Doch so viel Tiefsinn ist Koskys Sache nicht. Sein «Figaro» bleibt Boulevardkomödie, dreieinhalb Stunden mehr oder weniger «turbulente» Oberflächenhandlung, ...
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Eigentlich ist es immer schade, wenn solch grandiose Musik ungehört bleibt. Wenn der magische Moment zwischen Kerker und dem Schlussakt der Freiheit ohne dieses rhapsodische Phantasiestück, das Ernst Bloch als eine utopische Erinnerung, eine Legende der erfüllten Hoffnung bezeichnete, auskommen muss; wenn Mahlers Eingebung, die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 in C-Dur in...
Plötzlich durften sich alle anfassen: Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Gott und Gattin. Sie waren so verdutzt, dass sie ihre Hände und Hüften kaum richtig nutzen konnten. Denn ihre Körper waren bisher vor allem Klangkörper und deshalb auf ganz andere Dinge geeicht, zumindest solange sie auf einer Bühne ausgestellt und angestrahlt wurden: auf Statik,...
Rossinis «Barbiere» wird, allen unter der heiteren Oberfläche verborgenen Abgründen zum Trotz, gern auf den Boulevard der unbekümmerten Lustbarkeiten geschickt. Wer Doktor Bartolo als gockeligen Trottel vorführt, Rosina als ein in Liebesdingen vollreifes Girlie präsentiert, Almaviva zum flotten Freier stilisiert und in Figaro die auf Verkupplungsgeschäfte...
