Editorial

Opernwelt - Logo

Plötzlich durften sich alle anfassen: Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Gott und Gattin. Sie waren so verdutzt, dass sie ihre Hände und Hüften kaum richtig nutzen konnten. Denn ihre Körper waren bisher vor allem Klangkörper und deshalb auf ganz andere Dinge geeicht, zumindest solange sie auf einer Bühne ausgestellt und angestrahlt wurden: auf Statik, Distanz, auf die ruhige Aura ­einer makellosen Tonproduktion. Und nun sollten diese Körper sich anschmiegen und abstoßen, so wie es sich bisher nur die Stimmen getraut hatten. Und auch das nur nach dem Programm des Komponisten.

Der neue Komponist der Körpermusik konnte keine Noten lesen, aber sehr genau zuhören. Und so übersetzte er die Emotionen des Klangs in Bewegung und Körpersprache in Tonfälle. Er konnte das, weil er es nicht anders kannte. Er kam vom Film. Er hieß Patrice Chéreau, und das Ganze fand vor fast dreißig Jahren in einem fränkischen Sommertheater statt. 2005, im Sommer, in Aix-en-Provence, wird er nach langer Zeit wieder Klangkörpertheater machen: bei Mo­zarts «Così fan tutte».
Die Oper hat vom Film gelernt. Längst abgeschafft die Kluft zwischen agilen Stimmen und steifen Körpern, aus denen sie herausflöten oder ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2005
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zweisprachig

Süß, diese Schäfchen. Wirklich entzückend, wie sie da, inmitten der glanzvoll kostümierten und choreografierten Singspiel-Schar, auf ihren blauen Rollen unschuldig weiß übers Parkett gerollt werden und dabei ganz zärtlich und dumm ausschauen – was wiederum zu der an diesem vornehmen Orte erzählten, tränenrührenden Geschichte wunderbar passt: Denn was wäre ein...

Kulturhauptstadt Europas?

Die Zeit der Großzügigkeit in den Kommunen ist vorbei. Das gilt auch für das Ruhr­gebiet. Alles kommt angesichts leerer Kassen auf den Prüfstand. Bestehendes, Bewährtes, zuweilen sogar Modellhaftes wird auf Zahlen abgeklopft: Das öko­nomistische Denken dringt immer weiter auch in Theater, Museen, Orchester und Konzerthäuser ein. Zwei Beispiele aus...

Helles Silber, dunkles Erz

Unter den «Nachtigallen», deren Blütezeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende ging, nahm die früh an Leukämie erkrankte Mado Robin (1918-1960) eine Sonderstellung ein, da sie ein ausgesprochenes Stimmphänomen war. Sie soll angeblich das viergestrichene C erreicht haben, auf jeden Fall entfaltete ihre Stimme über dem dreigestrichenen C ihre ganze Eigenart (und das...