«Leuchtend in eure Herzen gehen»
Ähnelt die Turnhalle mit täuschend echt markiertem Parkettboden, den Mathis Neidhardt für Engelbert Humperdincks «Königskinder» in Zürich ausgelegt hat, nicht dem Klassenzimmer, in dem Peter Konwitschny seinen spektakulären Hamburger «Lohengrin» spielen ließ? Doch ein solches Zitat ist erlaubt, wenn man das Märchen-Libretto der «Königskinder» so gründlich und wach ausleuchtet wie Herzog, ohne es auf eine Kernbotschaft zu reduzieren – mit sensibler Fantasie und psychologischem Gespür.
Gleich im ersten Akt wird dieser multiperspektivische Blick deutlich: Die Hexe (sehr markant und scharfzüngig: Liliana Nikiteanu) hockt nicht im finstren Wald, sondern in besagter Turnhalle, eine Laborantin in Persilweiß, die in Blumentöpfen Cannabis zieht. Die Gänsemagd (im Verlauf des Abends lyrisch aufblühend: Isabel Rey), ein scheues Mädchen, leidet unter ihrer Kuratel: Die Gänse, die sie hüten darf, sind bloß aus Papier, und das vergiftete Brot backt die Magd auf Geheiß der sie terrorisierenden «Großmutter». All dies vermittelt sich sehr plastisch und sehr konkret. Und doch bleibt stets klar: Es geht in den «Königskindern» (wie in jedem Märchen) nicht nur um eine unheilvolle Kindergeschichte, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Neben den populären Klassikern zwischen «Carmen», «Traviata» und «La Bohème» sind Mozarts «Don Giovanni» und «Titus» – beide in Prag uraufgeführt – und die tschechische Oper Spielplan-Säulen des Narodní Divadlo, des Prager Nationaltheaters. Eine «Norma» hat es da schwer. Zumal die neue Produktion auf der Kippe stand: Daniel Dvorák, der das abstrakte Bühnenbild...
Ob «L’Enfant et les Sortilèges», Ravels «Fantaisie lyrique» eine Kinderoper ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Nicht zu Unrecht wird heute vermutet, dass Ravel und seine Textdichterin Colette mit ihrem singenden Hausrat und klagenden Getier um einen künstlerischen Ausdruck rangen, der das Grauen des Ersten Weltkriegs ästhetisch fassen konnte. In der...
Noch bis vor kurzem galten die Bilder aus dem alten Russland oder wenigstens die Anmutungen einer brüchig tradierten Bürgerwelt als Garanten dafür, dass Tschaikowskys Lyrische Szenen zu Puschkins Versroman «Eugen Onegin» ihre Theaterpoesie entfalteten: Peter Stein hatte zuletzt in Lyon viel kunsthandwerkliche Präzision im bürgerlichen Realismus aufgeboten, Andrea...
