Solo für Dagmar
Wer sämtliche sieben Todsünden benennen kann, kriegt einen Schnaps! Diese Spielregel wäre perfekt als Anleitung für einen alkoholfreien Abend. Denn: Keiner kann es. (Erhöhter Schwierigkeitsgrad: Man sage sie auf Lateinisch.) Dies feststellend, hat man den Sprengstoff, der in Brecht/Weills letzter Zusammenarbeit von 1933 noch immer beschlossen liegt, präzise am Wickel. Das «Ballet chanté», eigentlich eine Kurzoper, wurde von Georges Balanchine mit Lotte Lenya und einer Tänzerin uraufgeführt, die sich die Hauptrolle der schizophrenen Anna teilten.
Sie muss alle sieben Todsünden zugleich begehen und auch verdammen. Denn – so die dialektische Konzeption – Tugenden können wir uns in unserer korrupten Gegenwart nicht mehr leisten. Vormalige Todsünden sind zur stärksten Waffe des modernen Kapitalismus avanciert. Also: Bitte mehr Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit! Als so katholisch versuppt und verdorben wir indes die Todsünden als abgehangene Ideologien abgeschoben haben, so bedenkenswert wären sie heute. Oder sind Hochmut, Zorn und Völlerei nichts Schlechtes?!
Regisseur Barrie Kosky schlägt alle Inszenierungs-angebote des Textes unlustig aus. Er versteckt sich ganz ...
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Opernwelt April 2012
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Kai Luehrs-Kaiser
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