Schönheit durch Widerstand

Manchen gilt er als genialischer Guru, manchen als selbstverliebter Scharlatan. Aber alle reden über ihn. Ein Porträt des Dirigenten Teodor Currentzis

Opernwelt - Logo

Keine Menschenseele war zu sehen, damals, am Krasny-Prospekt, nachts um halb eins. Wäre auch Irrsinn gewesen, bei atemraubenden minus 35 Grad Celsius. Dann doch lieber das Gegenteil: gefühlte 35 Grad plus, wie sie im Innern des prächtigen, völlig überheizten Opernhauses von Novosibirsk herrschten, wo ohnehin die bessere Sause lief: Sektkorken knallten, Wodka wurde gereicht, warmes Bier, schwersüßer Rotwein; Zigarettenqualmwolken stiegen zur Decke, Stimmen, Körper, Gedanken verknäuelten sich.

Und irgendeinem der Beteiligten gelang es immer wieder auf wundersame Weise, weitere Getränke herbeizuzaubern. Die Stimmung war entsprechend ausgelassen – trunken irgendwie.

Premierenfeiern sind meist lustig. Diese, an einem Wintertag 2010, war es ganz besonders, weil sie improvisiert war, ein plötzlicher Regieeinfall, womöglich eine charmante Laune des Schicksals. Und weil die Party nicht in einem schmucken Ballsaal stieg, sondern in den Büroräumen jenes Mannes, der wenige Stunden zuvor, bei der Wiederaufnahme einer merklich angestaubten «Bohème»-Inszenierung, erneut gezeigt hatte, welch enormes Talent in ihm steckt. Erstaunlich, ja unerhört, was da aus dem Graben herauskroch: ein leiser, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2019
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Apotheose des Tanzes

Möchte uns John Neumeier «Orphée et Eurydice» heimlich als erste romantische Oper verkaufen? Die zentrale Bildfindung des Choreografen, der sich, leicht verfrüht, zum eigenen 80. Geburtstag Glucks Reformoper bescherte, gleicht mit Arnold Böcklins «Toteninsel» einer der zentralen Ikonen einer kunsthistorischen wie musikalischen Epoche – wovon der Komponist im...

Guten Abend, gute Nacht

Im dialektischen Sinn verhält sich das experimentelle Musiktheater «Lullaby Experience» passgenau zum diesjährigen Motto des Festivals «Frankfurter Positionen». Denn in Pascal Dusapins Musiktheater geht es gar nicht um «Grenzen der Verständigung», sprich: um Kommunikation oder deren Scheitern. Sondern um das Aufrufen und Verdichten frühester musikalischer und...

Die unerträgliche Geschmeidigkeit des Seins

Shibuya Crossing, an einem milden Februar-Abend. Wenn die Fußgängerampeln Grün zeigen, ist von den strahlendweißen Zebrastreifen, die Tokios berühmteste Straßenkreuzung zieren, nichts mehr zu sehen. Aus allen Richtungen ergießen sich gigantische Menschenwellen auf den Asphalt. Sie strömen an den Rändern des von trendigen Shopping Malls, von Wolkenkratzern und...