Die Taube überm Abgrund
Warum, um Gottes willen, die «Taubenpost» als harmlos-versöhnlicher Schluss nach der «Stadt», diesem traumatischen Bild verlorener Liebe, und dem grausigen «Doppelgänger»? War denn jenem Verleger, der aus Franz Schuberts Liedern nach Gedichten Rellstabs und Heines den Zyklus «Schwanengesang» zusammenstellte und diesem am Schluss eben die «Taubenpost» eines gewissen Johann Gabriel Seidl aufklebte, nicht mehr zu helfen? In seinen Liederabenden mit diesem Zyklus hat Ian Bostridge das Lied denn auch weggelassen – um es dann doch als Zugabe zu bringen, mit genau jener schwarzen Grundie
rung, welche die vermeintliche Idylle entlarvt: Diese Brieftaube wird nie ans Ziel gelangen, weil sie bloß als Wunschvorstellung in der Fantasie des Sängers existiert. Eine historisch völlig korrekte Interpretation, denn das Biedermeier der Gemütlichkeit gab es bloß als Nostalgie – für die Zeitgenossen damals war das Leben alles andere als idyllisch.
In diesem Sinne interpretiert Bostridge das Lied auch auf seiner Recital-CD (EMI Classics), hier natürlich nicht als Zugabe, sondern als ironischen Abschluss einer dunklen Seelenreise, die nach dem Beginn mit dem rauschenden Bächlein, lieblich und hell, das ...
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