Fluch der Geschichte
Wer nur für einen halben Tag nach Madrid reist, bekommt den südeuropäischen Moloch mit seinen sozialen Brennpunkten kaum zu sehen; er kann sich auf einen idyllischen Stadtausschnitt um das Teatro Real beschränken, über die arkadengesäumte Plaza Mayor (hinter der das Gewirr der Altstadtgassen beginnt) und zum einen Steinwurf entfernten Königspalast schlendern (aber wer würfe schon Steine auf dieses Königshaus?).
Von seiner Terrasse blickt man westlich auf unbebaute Landschaft: Der betriebsame Theaterplatz markiert also eher den luxuriösen Rand der spanischen Metropole, täuscht eine urbane Mitte nur vor wie eine Kulisse des «Barbiere di Siviglia» – ein vielsinnig symbolischer Standort.
Die Rossini-Oper bildete im September übrigens den Auftakt der Spielzeit 2013/14 am Teatro Real, der letzten von Gerard Mortier programmatisch voll verantworteten Saison an diesem Haus. Der belgische Opern-Manager agierte als Verkörperung einer mitten ins Zentrum des Europäismus strebenden iberischen Kunstbegeisterung – einer Idee aus den schönen Zeiten der EU-Prosperität und Euro-Euphorie. An mancherlei landesüblichen Traditionen und EU-notorischen Erosionen hatte sich Mortier hier in den vergangenen ...
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Opernwelt Dezember 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Hans-Klaus Jungheinrich
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