Europa, ein Saustall

Spätblüte des Marthaler-Theaters: «Il viaggio a Reims» von Gioachino Rossini am Opernhaus Zürich

Opernwelt - Logo

Es wäre ein bisschen zu einfach, wenn man sagen würde, dass «Il viaggio a Reims» und Christoph Marthalers Theaterästhetik gut zusammenpassen, weil die Menschen in Rossinis dramma giocoso auf eine Reise warten, die nie stattfindet, und weil Marthaler nun einmal der Regisseur ist, der aus dem Warten eine Kunstform gemacht hat. Nein, eigentlich war es ja der konsequente und hellhörige Umgang mit Musik, der Marthaler Opernerfolge beschert hat – seit einem in seiner düsteren Klarheit unvergessenen «Pelléas» in Frankfurt (OW 8/1994).

Der Musiker Marthaler war dabei wichtiger als der kultische Langsamkeitskünstler, weil er Tempi für die Ohren und Tempi für die Augen immer wieder fein auseinanderdividierte. Und weil Anna Viebrocks Bühnenräume den ausnotierten Klangräumen auf eine sehr kreative Weise in die Quere kamen.

Überhaupt warten die Figuren bei Marthaler weniger, als dass sie etwas erwarten. Es geht nicht um ein Stilmittel, sondern um einen existenziellen Grundzustand. Warten heißt Erschöpfung, Hoffnung, Wiederholung – leere, manchmal aber auch erfüllte Dauer. Hier kann Musik ansetzen. Dazu kommt noch etwas anderes. Es gibt bei Marthalers Arbeiten eine «Zwischenidentität» (Patrick ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Aus der Natur

Welk sind die Blätter, Eis deckt die Seen, traurig ziehen die Vögel gen Süden. Traurig, denn der Norden ist ihre Heimat, seinem Himmel gilt ihre Sehnsucht. Jean Sibelius veröffentlichte das Lied «Norden» im Jahr 1917 als erstes seiner sechs Lieder op. 90. Ein schwedisches Gedicht seines Lieblingsautors Johan Ludvig Runeberg liegt ihm zugrunde. Es steht für alles,...

Stimmfutter für Fortgeschrittene

Obwohl sie nicht wirklich ein Repertoirestück geworden ist wie «Norma» oder «La sonnambula», gibt es von Bellinis (nicht auf Shakespeare, sondern auf Matteo Bandellos Novelle zurückgreifender) Romeo-und-Julia-Version «I Capuleti e i Montecchi» nicht weniger als 20 Aufnahmen. Bei den meisten handelt es sich um Live-Mitschnitte, der letzte (mit Anna Netrebko und...

Risse im Kokon

Ein «Siegfried» in brutto viereinhalb Stunden, das ist rekordverdächtig – und am Teatro Massimo in Palermo sowohl Ärgernis als auch Grund zur Freude. Ein Ärgernis deshalb, weil Pausen von nur zweimal zwanzig Minuten einen Wagner-Abend nicht kürzer, sondern länger wirken lassen. Dass so etwas kein nebensächliches organisatorisches Detail ist, belegt die eher kühle...