Wenn die Körper sprechen
Wer oder was ist der Narr im «Wozzeck»? In Georg Büchners fragmentarisch hinterlassenen Szenen heißt er Karl und taucht öfter auf als in der Oper von Alban Berg. Die Oper braucht ihn im Grunde nur an einer, freilich zentralen Stelle des zweiten Akts: Ein Wirtshaus entstellt die Menschen zur Kenntlichkeit. Soldaten grölen von lustiger Jägerei, die Seelen stinken nach Branntewein, Marie und der Tambourmajor begehren sich, Wozzeck steht und kann nicht fassen, was er sieht.
Der Narr tritt an ihn heran und fistelt: «Ich riech Blut!» Ein hohes, falsettiertes «c» will Berg da haben vom Tenor. Dann schneidet er einen verbissenen Walzer gegen Fortissimo-Schreie der Bläser und Bühnenmusik gegen das Orchester im Graben. Es geht – subito a tempo – drunter und drüber. Und in Wozzecks Hirn sitzt der Gedanke an Mord wie eine Krake, die nicht mehr wegzukriegen ist.
In Frankfurt inszeniert Christof Loy den «Wozzeck» von Alban Berg, aber er liefert Tiefenschichten mit, die von Büchner stammen. Der Narr taucht keineswegs nur im Wirtshaus auf. Er begleitet Marie stumm, wenn sie spürt, dass sie dem Tambourmajor nicht widerstehen kann. Mit Brille, Fliege und Karo-Kaschmir-Jackett sieht dieser Narr ein ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Stephan Mösch
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