Eins mit dem Anderen

Seit 70 Jahren betreiben die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik ästhetische Grundlagenforschung. Doch wie verträgt sich die Utopie des autonomen Klangs mit den Ansprüchen von Musikdrama und Oper? Ein Zwischenruf des Komponisten HANS THOMALLA

Opernwelt - Logo

Ein persönlicher Text von mir zu Darmstadt und zur Oper hat etwas von der Perspektive eines Scheidungskindes. Ich fühle mich wie ein Zögling beider ästhetischer Sphären, deren Beziehungsstatus gut mit dem Facebook-Begriff «it’s complicated» beschrieben werden könnte. Er ist voller Widersprüche.

Deren genauere Betrachtung scheint jedoch interessant nicht bloß im Blick auf meine eigene künstlerische Identitätsbestimmung – dieselben Widersprüche kennzeichnen meine kompositorische Arbeit, insbesondere meine Opern «Fremd» und «Kaspar Hauser» –, sondern auch für das Verständnis der Identität beider Institutionen und ­ihrer Ästhetiken.

Für einen jungen Komponisten, der Ende der 80er-Jahre, Anfang der 90er-Jahre heranwuchs, hatte der Begriff «Darmstadt» bereits eine unglaublich starke Aura. Bis heute benennt er nicht einfach nur einen alle zwei Jahre stattfindenden Sommerkurs für Neue Musik, sondern er ist synonym geworden mit einer spezifischen musikalischen Ästhetik: der Utopie des befreiten Klanges. Befreit von außermusikalischer Rhetorik, Repräsentation, Ausdruck; von Tradition und ihren Stereotypen; von Tonalität im weitesten Sinne: aller Gesetzmäßigkeit «außerhalb» eines Werkes. Sich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2016
Rubrik: Magazin, Seite 73
von Hans Thomalla

Weitere Beiträge
Infos

JUBILARE

Von 1937 bis 1944 erhielt Theo Adam im Dresdner Kreuzchor eine erste, intensive musikalische Ausbildung. Nach dem Abitur wurde er eingezogen und geriet als Soldat der Wehrmacht schließlich in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr arbeitete Adam ab 1946 in seiner Heimatstadt Dresden als Lehrer und nahm gleichzeitig Gesangsunterricht bei Rudolf...

Pack die Badehose ein

Als Baldassare Galuppi 1753 seine Goldoni-Vertonung «I bagni di Abano» herausbrachte, zeigte sich: Thermen, Spas und Badeorte sind ein ideales Buffo-Setting, schon wegen des dort üblichen zwanglosen Umgangs. In Fabio Vacchis «La station thermale» (1993, ebenfalls ein Goldoni-­basiertes Stück) funktioniert die Idee nicht minder gut als in Rossinis «Il viaggio a...

Schauerstück

Diese Uraufführung versprach eine grausige Geschichtsstunde. Die Story: Eine Prostituierte, Sarah Osborne, wird für den Mord an ihrem Ehemann und den zwei Kindern gehängt, die Leiche sodann öffentlich seziert. Tatsächlich floss in Bob McGraths Inszenierung von David Langs «Anatomy Theater» reichlich Kunstblut. Vor allem aber punktete die Los Angeles Opera im...