Revolutionen, Obsessionen
Erinnert sich noch jemand? An die Zeiten, als es im Theater um Sein oder Nichtsein der kritischen Bewusstseinsbildung ging? Um Aufklärung und Erziehung des unmündigen Menschengeschlechts? Um eine Ästhetik des Widerstands gegen Herrschaft und Macht? Es sieht so aus, als sei die Schaubühne als pädagogische Anstalt, als Labor für die spielerische Erprobung sozialer Utopien Geschichte.
Mit dem Ende der Ideologien zerstob die (in West wie Ost lange virulente) Hoffnung, dass Schauspieler, Sänger, Tänzer und Musiker ein Stück wahres Leben ins falsche zaubern könnten – und sei es «nur» in die Köpfe. Tempi passati. Heute, so scheint es, nach dem Ende aller geschichtsteleologischen Glaubensgewissheiten, geben die alten Befreiungsfantasien in Oper und Drama allenfalls Material für die postdramatische Puzzlearbeit her.
Die Sorge, dass die Sache mit der klassenlosen Gesellschaft, der Traum von einer selbstbestimmten, in solidarischer Gemeinschaft aufgehobenen Existenz des Einzelnen verspielt sein könnte, trieb viele Künstler um, die sich (zeitweilig) unter der roten Fahne sammelten. Exemplarischen Ausdruck fand dieser Zweifel nicht zuletzt im Werk Luigi Nonos. Mit der kommunistischen Partei ...
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Opernwelt April 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Albrecht Thiemann
In Palermo wird derzeit ein vokal verheißungsvoller, szenisch streitbarer «Ring» geschmiedet. Die Aufführungen des ersten und zweiten Teils der Tetralogie während der Wintermonate am Teatro Massimo überzeugten zunächst in gesanglicher Hinsicht. Franz Hawlata, das mag nach seinem Sachs in Bayreuth überraschen, sang den Wotan mit solider Legato-Kultur und konziser...
2008 hatte diese Produktion am Brüsseler Théâtre de la Monnaie ihre Premiere. Drei Jahre später wurde sie dort nicht nur aufgefrischt, sondern zugleich überarbeitet und aufgezeichnet. Unterdessen erlebte sie eine skandalbegleitete Reprise in
Paris. Die jetzt vorliegende DVD stammt aus dem Jahr 2011 – und sie berechtigt zu dem Urteil: Diese «Médée» ist eines der...
«Learning from Las Vegas» heißt das Buch, mit dem der amerikanische Architekt Robert Venturi 1972 den Wertekanon der klassischen Moderne angriff. Schon der Titel war eine Provokation. Er verhieß eine Feier der bunten Oberfläche, des fluoreszierenden Ornaments, der neonflammenden Fassade. Er richtete sich vor allem gegen die Bauhaus-Kultur, die (von deutschen...
