Psychothriller
Henry James’ «The Turn of the Screw» gehört zu den rätselhaftesten und zugleich faszinierendsten Erzählungen der Weltliteratur. James entfaltet mit geradezu kriminalistischer Spannung die gespenstische Atmosphäre in einem englischen Landhaus, ohne dem Leser am Ende eine Lösung zu bieten.
Sind es die beiden elternlosen Kinder Miles und Flora, die von den Geistern zweier Verstorbener verfolgt werden? Oder ist es ihre junge Gouvernante, die ihre eigene verklemmte Fantasie in ihre beiden Zöglinge hineinprojiziert? Auch Brittens kongeniale Vertonung beantwortet die Frage nicht, verschiebt aber durch die Tatsache, dass bei ihm die Stimmen der Verstorbenen nicht nur erklingen, sondern der ehemalige Hausdiener Peter Quint und die frühere Erzieherin Miss Jessel als Untote tatsächlich auftreten, die Gewichte beträchtlich.
Auch Immo Karaman entscheidet sich nicht zwischen Einbildung und Wirklichkeit und inszeniert Brittens Stück als Psychothriller. Subtil greift er mit seiner ausgefeilten Personenregie die erzählerische Technik der Vorlage auf, die Schraube der Handlung so lange zu (über)drehen, bis sie bricht. Dazu benutzt er auf virtuose Weise den Raum, den ihm Kaspar Zwimpfer gebaut hat – ...
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Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Uwe Schweikert
Für viele gehört Dietrich Fischer-Dieskau neben Enrico Caruso und Maria Callas zu den drei wichtigsten Sängern des 20. Jahrhunderts. Was er mit den beiden gemeinsam hatte, war weder das Repertoire noch die Art zu singen, sondern die immense, durch Aufnahmen gestützte Wirksamkeit. Fülle und Vielfalt seines Repertoires waren und sind ohne Vergleich. Er hob das...
Wie war er? Was hat ihn angetrieben, was ausgemacht? Was hat er bewirkt? Die Hommage auf den folgenden Seiten bietet Annäherungen an Dietrich Fischer-Dieskau. Neun Autorinnen und Autoren, neun Versuche – vom Essay bis zum kurzen Statement. Die Blickwinkel und Hörperspektiven sind so verschieden wie die inhaltlichen Aspekte.
Was hat er konkret musikalisch anders...
Im Kreis vertrauter Menschen war er anders. Da sagte er Dinge, die direkter, persönlicher und präziser waren als vieles, was er offiziell redend oder schreibend von sich gab. Plötzlich wich der strenge Fischer-Dieskau-Habitus einer Schutzlosigkeit, wie sie nur wenige Menschen zulassen (können) und wie sie in seinem Gesang hörbar war. «Ein Sänger stirbt zweimal»,...
