Subtile Zeichen
Irgendjemand muss die Sache ausgepackt haben. Ganz vorsichtig, so wie es die Schriftzüge auf den Kulissenteilen («Fragile», «Handle with care!») empfehlen. Auch weil man dem Stück ja nicht mit der Pranke beikommen kann: Jules Massenets «Werther» ist ein Drama aus dem Reich der Zwischentöne, eine Studie der feinnervigen, mal eindeutigen, mal kaum wahrnehmbaren Kraftfeld-Verlagerungen, aus der Entäußerungen à la «Pourquoi me réveiller» wie Notwehraktionen vereinsamter Individuen herausragen.
Und gerade, weil Realismus und das grobe Sezierbesteck nichts taugen, hat das Theater Augsburg sehr viel richtig gemacht.
Hausherr André Bücker entwirft mit Jan Steigert (Bühne) und Suse Tobisch (Kostüme) ein System der subtilen Zeichen. Bleichgesichter, vielleicht Untote sind es, die sich in fast stilisierter Choreografie, gekleidet in schwarzes Rokoko, umkreisen. Das so hemmende gesellschaftliche System wird widergespiegelt in prätentiösen Gesten. Unberührbare sind Charlotte und Werther, einmal fassen sie sich an den Händen. Es ist das höchste der Gefühle.
Kirche, Zimmer und Baum im Kartonschick, alles fahrbar wie im Theater-auf-dem-Theater, markieren die Szene. Krähen sitzen in den Zweigen. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2019
Rubrik: Panorama, Seite 30
von Markus Thiel
Ein Ganzes sollte dieser «Karl V.» werden, geschaffen aus der Sehnsucht, dass alles noch mal ganz und heil werde. Als Ernst Křenek 1929 auf Wunsch des Wiener Staatsoperndirektors Clemens Krauss mit der Konzeption begann, hatte der Nationalsozialismus längst Sympathisanten auch in Österreich. Ein Remedium gegen den Nationalismus sah Křenek in der übernationalen...
Möchte uns John Neumeier «Orphée et Eurydice» heimlich als erste romantische Oper verkaufen? Die zentrale Bildfindung des Choreografen, der sich, leicht verfrüht, zum eigenen 80. Geburtstag Glucks Reformoper bescherte, gleicht mit Arnold Böcklins «Toteninsel» einer der zentralen Ikonen einer kunsthistorischen wie musikalischen Epoche – wovon der Komponist im...
Shibuya Crossing, an einem milden Februar-Abend. Wenn die Fußgängerampeln Grün zeigen, ist von den strahlendweißen Zebrastreifen, die Tokios berühmteste Straßenkreuzung zieren, nichts mehr zu sehen. Aus allen Richtungen ergießen sich gigantische Menschenwellen auf den Asphalt. Sie strömen an den Rändern des von trendigen Shopping Malls, von Wolkenkratzern und...
