Sozialdrama und Gleichnis
Hundert Jahre hat Leos Janáceks «Jenufa» inzwischen auf dem Buckel. Aber die Musik ist so unverbraucht und neu, als wäre sie gestern entstanden. Zu diesem Eindruck trug der erstmals am Frankfurter Opernpult stehende Hannoveraner GMD Shao-Chia Lü entscheidend bei. Klangschärfungen und harmonische Reibungen, deklamatorisch aufgeraute Passagen und instrumentaler Feinschliff, wie man ihn in dieser Partitur kaum je zuvor gehört hat, kamen aus dem Graben.
Wie Michael Gielen oder Sylvain Cambreling ist auch Lü der Auffassung, dass die Opernpartituren Janáceks nur mit dem Gestus und Anspruch der großen Sinfonik des ausgehenden 19. Jahrhunderts angemessen zu interpretieren sind. Leider ist er bei diesem löblichen Unterfangen durch forcierte Lautstärke und spätromantisch dickflüssige Klangmassierung oft übers Ziel hinausgeschossen.
Die im dörflichen Milieu angesiedelte Handlung des Stücks lässt sich schwer verpflanzen und schon gar nicht aktualisieren – umso weniger als die Musik ihre gleichermaßen bodenständige wie moderne Substanz aus dem mährischen Idiom Janáceks zieht. Tilman Knabe verortet das Stück dann auch nicht in der Zeitlosigkeit, sondern in einer soziologisch präzise lokalisierten ...
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