Auf Grund gelaufen
Das Stück berührt immer noch. In der als inszeniertes Konzert angekündigten Aufführung von Henzes Dokumentar-Oratorium «Das Floß der Medusa» in der Bochumer Jahrhunderthalle gerät das Werk allerdings in seichtes Gewässer und läuft, um im Bild zu bleiben, ähnlich spektakulär auf Grund wie die Fregatte «Medusa» 1816 bei dem Versuch, den Senegal für Frankreich zurückzuerobern. Während sich damals die Oberen auf die Boote retteten, überließen sie das gemeine Volk – die «Allzuvielen», wie sie im Libretto heißen – auf einem schnell gezimmerten Floß dem Schicksal.
Die wenigen Überlebenden wurde erst nach 13 Tagen zufällig von einem Schiff aufgelesen – Boatpeople wie die jetzt im Mittelmeer treibenden Flüchtlinge, allerdings in umgekehrter Richtung. Théodore Géricault hat diesen Moment in einem monumentalen Gemälde festgehalten, dessen aufrührerisches Pathos Henze bei der Komposition vor Augen stand. Er ergreift Partei für die Opfer, aber poetisch, nicht agitatorisch. Die Schönheit der Musik kann ihre politisch-revolutionären Aussagen – «belehrt von Wirklichkeit, fiebernd, sie umzustürzen», wie es im Schlusswort des Sprechers heißt – nicht aufheben.
Zur Aktualisierung taugt das Che ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Uwe Schweikert
Alles fängt schon vor dem Anfang an. Ein herrischer Herr mit Leuchtspeer schreitet aus dem Hintergrund, vorne lauert angriffig eine proletenhafte Gestalt. Fast eine Minute starren sie einander aus der Distanz stumm an, diese Verkörperungen von Macht und Ohnmacht, Licht und Finsternis, bevor das tiefe Es beginnt, dieses (hier offenbar als trügerisch entlarvte)...
In der an tumultuarischen Premieren- und Uraufführungskrächen nicht armen Musikgeschichte gehört der 31. März 1913 zu den Top Acts. Bei einem von Arnold Schönberg dirigierten Konzert im Großen Musikvereinssaal zu Wien stehen neben Schönbergs erster Kammersymphonie die «Sechs Stücke für Orchester» von Anton Webern, die Nummern 2 und 3 aus Alban Bergs «Fünf...
Ich habe die Geschichte von einer Freundin, die vor Jahren als Dramaturgin im altehrwürdigen Theater der Residenzstadt B. arbeitete. Sie machten damals Offenbachs «Barbe-Bleue». Schwieriges Stück, weil durch das Frivole die politische Dimension dieser Opéra-bouffe hindurchschimmert, man aber genau das nur zart andeuten darf, will man nicht die 1001. moralinsaure...
