Alles Wahnsinn

Amsterdam, Donizetti: Lucia di Lammermoor

Opernwelt - Logo

Zur Ouvertüre färbt sich das Bühnenlicht ätherisch blau. Im leichten Dunst entschwebt eine Figur gen Himmel: Lucia. Dann die Überblendung: ein großer, kahler Raum, mit hohem Fenster, in Weiß-Grau gehalten, vor das sich immer wieder schwarze Wände schieben. In der Mitte ein riesiges Bett, in dem Lucia träumt. Von ­ihrer Kindheit und Jugend, als sie noch mit Puppen spielte. Diese hocken als ausgestopfte Ebenbilder zu fünft rund um die Liegestatt am Boden. Dort öffnet sich plötzlich ein riesiges schwarzes Loch, in das Lucia ­hineinzustürzen droht.


Man sieht: Lucia di Lammermoor wird nicht im Verlauf der Handlung wahnsinnig, sondern sie hat diesen Geisteszustand bereits mit dem Beginn der Geschichte erreicht. Alles was folgt, ist Traum, Alptraum, Rückblende. Eine Frau wird zerstört – von einer männlich dominierten Umwelt, die in erster Linie mit Machtfragen, Kriegen und Intrigen beschäftigt ist. Liebe ist nur ein hohles Wort, das gelegentlich mit einer emphatischen Tenorarie gefüllt erscheint: Ismael Jordi als Edgardo absolviert das in Spiel und Gesang mit schöner Eindringlichkeit – ein romantischer Jüngling aus dem Bilderbuch, der zuvor schon «Romeo und Julia» und Goethes «Werther» ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2007
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Gerhard Rohde

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gefährliche Liebschaften

Unter den vielen Barockopern, die seit etwa dreißig Jahren auch klingend wieder entdeckt werden (Wissenschaftlern und Archivaren waren sie seit je bekannt), gehört Antonio Mazzonis «Il re pastore» zu den wirklich hörenswerten. Juan Bautista Otero hat sie mit der lebendig, pikant und blitzsauber musizierenden Real Compañía Ópera de ­Cámara 2006 unter dem Titel...

Weg mit den bunten Wundertüten

Ob «L’Enfant et les Sortilèges», Ravels «Fantaisie lyrique» eine Kinderoper ist, da­rüber lässt sich trefflich streiten. Nicht zu Unrecht wird heute vermutet, dass Ravel und seine Textdichterin Colette mit ihrem singenden Hausrat und klagenden Getier um einen künstlerischen Ausdruck rangen, der das Grauen des Ersten Weltkriegs ästhe­tisch fassen konnte. In der...

Zum Goldenen Opernhafen

Auf den Spielplänen unserer Schauspielhäuser tauchen sie kaum noch auf: Marius, Fanny und César, die in Frankreich unsterblichen Gestalten vom Alten Hafen in Marseille, denen Marcel Pagnol in seiner Trilogie ein wunderbar menschliches Denkmal setzte. «Zum Goldenen Anker» hieß das komplette Stück bei uns, und es wurde nach dem Krieg viel gespielt. Das Geheimnis...