Wilde Kirschen

Ingmar Bergman «Aus dem Leben der Marionetten»

Theater heute - Logo

In dem hübschen Paradiesgarten, den Andreas Kriegenburg auf der Bühne des Thalia Theaters hinter schweren Käfigwänden angelegt hat, geht es mäch­tig zur Sache. Unter blühenden japanischen Kirschbäumchen, die sich dekorativ von der blutroten Wand ab­heben, wickelt sich eine junge Geisha (Katharina Behrens) zu rauen Frauen­gesängen aus ihren Schärpen und löst ihr hochgestecktes Haar, bis sie, von einem spektakulären Rückentattoo einmal abgesehen, splitternackt auf der Bühne steht.

Ein Mann sieht ihr dabei zu; eine Frau läuft unruhig an der Käfigwand entlang und lässt beiläufig eine Messerklinge gegen die Gitterstä­be klackern, die das Geschehen halb verdecken und in ein rötlich flirrendes Licht tauchen.

Schon gerät man in Versuchung, die gut zehnminütige Exposition zur Bühnenversion von Ingmar Bergmans «Aus dem Leben der Marionetten» als mittelschwere SM-Bordell-Fantasie zu verbuchen. Doch im Lauf des Abends begreift man, dass er ohne die ästhetisierte Gegenwelt einfach nicht funktionieren würde. Es geht schließlich um genau diese Peinlichkeitsgefühle, um schwüle Symbolik, bedrohliche Sexualität und verdrängte Gewalt. Das ganze schreckliche Zeugs also, das man – schon gar live und auf ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2007
Rubrik: Chronik, Seite 44
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Entgleisung und Verzweiflung

Einmal eine grünlich vermoderte und wasserunterspülte Bretter-Bruchbude als nach allen Seiten vernagelte Familiengruft, einmal eine piccobello furnierte Wohn-Esszimmer-Kombina­tion mit offener Terrasse in Cinema­scope-Breitformat. Einmal zeitlos stilisierte Familienaufstellung, einmal psychologischer Realismus im 40er-Jahre-Ambiente. Einmal choreografiert...

Im Theater ist die Wirklichkeit am geilsten

Ich will ein Feuerwerk, kein ängstliches Gepiepse! Und zweihundert Prozent Disziplin!», ruft der Musiklehrer Aaron Gra­hovac, und in den überfüllten Probenraum der Berliner Bettina-von-Armin-Oberschule im Märkischen Viertel zieht ein Hauch von Dieter Bohlen ein. «Wer das nicht schafft, der kann jetzt noch gehen!» Alles schweigt und schaut den schwarz gekleideten...

Launen von Zufall und Fügung

Nur Robert Lepage kann sich so etwas ausdenken: Ein Stück über die menschliche Stimme, das sich zu einer Neun-Stunden-Aufführung über Leben und Welt auswächst – das längste seiner langen Bühnenepen und das ehrgeizigste. (Dass er demnächst an der Met den «Ring» inszeniert, scheint da nur folgerichtig.) Derzeit dauert «Lipsynch» allerdings erst vier Stunden plus zwei...