We are family
Im Programmheft zu Sibylle Bergs neuestem Beitrag zur Zersetzung bürgerlicher Fassaden bemüht die Bonner Dramaturgie den wertekonservativen Verfassungsrichter Udo di Fabio als entschlossene Gegenstimme: «Die Familie», behauptet er eisern, «ist eine Lebensform des Menschen, ein sozialer Raum der Nähe, von dem aus der Zivilisationsprozess immer wieder erneut seinen Ausgangspunkt nimmt.» Folgt man den beiden Premieren, mit denen das von Kürzungsattacken heimgesuchte Schauspiel Bonn in die Adventszeit startete, besteht begrenzte Hoffnung für diesen Zivilisationsprozess.
Die Familie ist die Keimzelle aller Katastrophen, scheinen Sibylle Berg und Andrew Bovell beweisen zu wollen, der soziale Raum, den sie beschreiben, ist erfüllt von bösartigen Schmähungen (Berg) oder abgründigem Verschweigen (Bovell).
Generationenkonflikt zum Fest
In den Kammerspielen in Bad Godesberg, gleich neben dem Weihnachtsmarkt, verzichtet Bühnenbildner Andreas Freichels fast bis zum Schluss konsequent auf jedes Weihnachtsdekor. Sechs überdimensionierte Halbkreise trudeln in immer neuen Formationen über die schwarze Bühne, verfehlen sich meistens, schließen sich selten zum harmonischen Rund. Sie sind aus ...
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Theater heute Februar 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Barbara Burckhardt
Von den Bankenskandalen des Jetzt in die eigene qualvolle Biografie. An den Münchner Kammerspielen inszeniert Johan Simons «Die Winterreise», musikalisch begleitet von Christoph Homberger, Martin Schütz und Jan Czajkowski. Das große Ganze mit dem Privaten zusammenzudenken, ist etwas, was den Protagonisten in Cristin Königs Farce «Die Wohngemeinschaft» am Maxim...
Im Verlauf von Volker Löschs gewohnt freier Wedekind-Adaption «Lulu – Die Nuttenrepublik» an der Berliner Schaubühne ertappt man sich bei dem kuriosen Gedanken, beruflich womöglich aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Oder, koketter formuliert, sich selbst als Pferdchen ins falsche Rennen geschickt zu haben. Das älteste Gewerbe der Welt, aus dessen Nähkästchen ein...
Das freie Theater schafft sich ab. Jedenfalls wenn es nach der Sarrazinschen Logik geht, nach der sich Fähigkeiten genetisch vererben. Denn freie Theaterschaffende bekommen doppelt so selten Kinder wie der Durchschnitt der Bevölkerung: In ganz Deutschland sind 35 Prozent der potenziellen Eltern kinderlos, unter den frei arbeitenden Bühnenkünstlern sind es 68...
