Viele Gesichter, aber kein Fake

Als Schauspieler, Tänzer und Performer ist Thomas Wodianka schon oft aufgefallen. Im Berliner Gorki Theater hat er sich in den letzten anderthalb Jahren ganz nach vorne gespielt

Theater heute - Logo

Ein gewisses Verwirrspiel mit Rollenidentitäten gehört zum Konzept von Falk Richters schwuler Empowerment-Inszenierung «Small Town Boy». Zum Auftakt befragt der Videokünstler Glen, mit geschmeidiger Arroganz gespielt von Thomas Wodianka, seinen One-Night-Stand Russell, offensiv defensiv gespielt von Aleksandar Radenkovic, vor laufender Kamera für ein Kunstprojekt nach der soeben gemeinsam verbrachten Nacht. Eine unbehagliche Szene, weniger aufgrund der offen beschriebenen Sexpraktiken als wegen Glens machtbewusster Verhörtechnik.

So spricht er Russell immer wieder süffisant mit «Aleks» an: «Und du wolltest nicht, dass ich dich ficke, Aleks?» Russell alias Aleks zischt wütend: «Russell!» Später im Stück outet er sich doch: «Ich bin … heterosexuell.»

Und was ist mit «Thomas», der kurz vor Schluss eine Wutrede hält, in der die angestaute Empörung von Jahrzehnten zu liegen scheint, ein sich langsam steigerndes, lustvoll den Zorn zwischen den Kiefern mahlen­des, geradezu alttestamentarisches Rasen, das auf politische Korrektheit pfeift und es insbesondere homophoben Politikerinnen und Freundinnen des Schwulenhassers Putin Zahn um Zahn heimzahlt? Diesem «Thomas» verleiht Wodianka ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2015
Rubrik: Akteure, Seite 32
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Es war einmal ein Global Player

Dieser Peer ist ein Prachtkerl. Einer, für den die Mädels alles stehen lassen und den seine Mutter insgeheim vergöttert, obwohl sie ihn ständig ausschimpft. Ein Rumtreiber und Prahler, dem man trotzdem kaum übelnehmen kann, dass er sich mit dem oder der ersten Besten nicht zufrieden geben mag, wo ihm doch auf märchenhafte Weise alle zu Füßen zu liegen scheinen.

Wie...

Verrutschte Sphären

Wenn zwei sich nicht mehr so sehr lieben, hilft – manchmal – ein Dritter. Ein Nebenbuhler, der die alte Leidenschaft – und sei es nur die Eifersucht – durch sein Begehren in den Köpfen neu entfacht. James Joyce, der Erfinder des Bewusstseinsstroms, war Zeit seines Lebens besessen von dieser Art des Liebesspiels über die Bande eines imaginierten Dritten, mal, wie in...

Arthouse

Die Regieanweisungen in Hjalmar Söderbergs «Gertrud» sind äußerst akkurat. Keine schlichten Hinweise, dass man sich etwa in einem Salon befände, nein, jede bauliche Eigenart, jedes Einrichtungsstück von besagtem Salon wird genau beschrieben. «Über der Kommode: ein Empirespiegel mit Haltern für zwei Kerzen.» Zwei Kerzen, wichtig. Weil aber Annette Kurz und Karl...