Verzweifelte Rituale
«Wir vermissen einen Freund», sagt der Pfarrer beim Begräbnis über den plötzlich verstorbenen Mittvierziger Stuart Jackson. «Vielleicht nicht gerade einen echten Freund», räumt er ein, «einen der zuhören konnte oder einem das Gefühl gab, wichtig zu sein ...»
Der Männerkultfilm «Husbands» von Independent-Pionier John Cassavetes offenbart schon zu Beginn die Fallhöhe seiner Protagonisten: Gus, Harry und Archie stehen am offenen Grab ihres gemeinsamen Freundes.
Von der Endlichkeit des Lebens derart vor den Kopf gestoßen, erinnern sie sich an das grenzenlose Glücksversprechen, das ihr Leben einmal war, bevor sie es unter ihrem selbstgebauten Eigenheim in irgendeinem Vorort von New York begraben haben. Selbst tagelange Trunkenheit hilft bei einer progressiven Midlife-Crisis nur bis zum Erbrechen. Bei Glücksspiel und Nutten in London angekommen, scheitern sie – zutiefst komisch und erbärmlich zugleich – an sich selbst und an den ehrlich verzweifelten Ritualen einer Männerfreundschaft, die nicht sprechen und nicht zuhören kann.
«Husbands» ist nach «Opening Night» und «Faces» Ivo van Hoves dritte Bühnen-Adaption eines Cassavetes-Films. Damit gehört sie zwar nicht unbedingt in die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2012
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Anja Quickert
Zum Auftakt jugendliche Protestkultur: Ein BMW wird abgefackelt. Dann die Ansage: «Es folgt ‹Volksfeind› von Ibsen ...» – Was nun abgeht im Studio vom Neuen Theater Halle, nennt Regisseurin Martina Eitner-Acheampong «eine Untersuchung». Titel: «Ungehorsam!» Die Untersucher: Regie, Dramaturgie (Marie Senf) sowie ein energiestrotzender Studententrupp der Leipziger...
Wo war der Geist von Christoph Schlingensief? Schien er auf, als die große Patti Smith einfach ein Lied für ihn sang? Spiegelte er sich in der ausgesuchten Höflichkeit des Botschafters von Burkina Faso, der mit feiner Stimme das Engagement des 2010 verstorbenen Künstlers und seiner Hinterbliebenen lobte? Oder steckte er in den Details des sichtlich von Matthew...
Neues von Fassbinder? In München wird der Autor/Filmemacher dieseits und jenseits der Maximilianstraße auf die Probe gestellt: «Petra von Kant» im Residenztheater und «Der Satansbraten» in den Kammerspielen.
Käthe hat lange auf vieles verzichtet: Karriere, Beruf, Glück. Doch jetzt dreht sie den Spieß um: Anne Leppers «Käthe Hermann» ist eine finstere Groteske....
