Versuche in Unvernunft

München unter Mänaden: Euripides’ «Die Bakchen» am Residenztheater und an den Kammerspielen, inszeniert von Dieter Dorn und Jossi Wieler

Theater heute - Logo

Am Ende steht Teiresias im schwarzen Anzug etwas verloren am hinteren Bühnenrand und guckt auf das Etikett der Rotweinflasche in seiner Hand. Welcher Jahrgang ist das bloß? Pentheus ist zerrissen, Mutter Agaue und Papa Kadmos ins Barbaren-Exil vertrieben, das schöne Theben zerstört, und Dionysos hat den aufgeklärten Hellenen mal wieder gezeigt, wo der Hammer hängt. Noch bevor Teiresias den edlen Tropfen historisch taxiert hat, nimmt ihm eine Mänade im Abgehen die Flasche aus der Hand. Nicht mal sein Gläschen Bordeaux bleibt dem alten Knaben. Griechische Tragödien können grausam enden.



Dabei hatte in Jossi Wielers Kammerspiel-Inszenierung alles so schön angefangen. Kein Dionysos-Monolog wie bei Euripides, wo zum Einstieg die Genealogie und mythische Rechtfertigung abgearbeitet werden, dergleichen hält heute nur auf oder entzückt anwesende Altphilologen. Stattdessen zwei muntere alte Herren bei ihrem ganz speziellen Methusalem-Komplott. Teiresias (Peter Kremer) und Kadmos (Peter Brombacher) haben beschlossen, Vernunft Vernunft sein zu lassen und bei Dionysos und seinen Bacchantinnen tanzen zu gehen. Nicht, dass die beiden übertrieben vergnügungssüchtig erscheinen: Der eine sieht mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2006
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Hard facts im Milljöh

Ein schöner Film, ein immer wieder lustiger Film. Ein schneller, wendiger und oft verblüffender Film. Wobei die Geschichte einer arbeitslosen, alleinerziehenden Alkoholikerin und ihrer ebenso bedürftigen, aber weitaus bodenständigeren Freundin, die als ambulante Altenpflegerin jobbt, natürlich nur bedingt komödientauglich ist. Da ist zuviel Echtwelt drin. Aber von...

Das große Metzgern

Der Nitsch ist ja der bekannteste Maler Österreichs. Aber das ist ein ganz normaler und angenehmer Mensch, sehr gescheit, gebildet und gemütlich. Sehr gemütlich!» Der ältere Herr, der dies seinen deutschen Nebenstehern voller Bürgerstolz zu Protokoll gibt, ist zwar nicht unbedingt in Orgienstimmung, aber doch sichtlich in Festtagslaune und wild entschlossen, sich...

Chorischer Dauerlauf

Apfelsinen und Tulpen. Die Grundausstattung ist denkbar einfach. Pünktlich zum Jahrestag der «Orangenen Revolution» hat Armin Petras in Frankfurt Goethes «Egmont» inszeniert. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Nun, die Farbe macht’s. Denn die erlaubt es, eine Analogie von den spanisch besetzten Niederlanden des 16. Jahrhunderts zur Kiewer Protestbewegung im...