Vermurkste Wahrheit

David Mursa «Dreitagefieber»

Theater heute - Logo

Alte Wunden eitern länger. Vor allem, wenn sie aus der Kindheit stammen. Wenn sie der Bruder, die Schwes­ter gerissen hat, wenn sie einfach nicht heilen wollen, weil immer wieder jemand kommt und nicht vergisst und daran kratzen muss, an dieser dünnen Kruste, an diesen blutigen Flecken in der Erinnerung.

So geht es den Geschwistern in Daniel Mursas «Dreitagefieber»: Strik, Tanja, Ruth und Friedrich, alle um die 30, sind an dasselbe Schicksal gekettet, an ein Unglück, das auch eine Kains-Untat sein könnte, unaussprechlich und – daher bezieht das Stück seinen Suspense – lange auch unausgesprochen.
Dass so ein Verhältnis nicht gesund sein kann, ist bei der Uraufführung am Landestheater Tübingen unschwer zu erkennen. Strik frühstückt Brot und Zigaretten, als hätte ihm sein Existenzdesigner nichts Besseres beigebracht. Schwesterchen Tanja kommt und kichert unmotiviert, verliert ihr Kleid unmotiviert, fuchtelt unmotiviert. Nur ihre Albträume, die haben einen Grund. Tanjas Hirn ist aufgeschürft wie ihre Knie, zumindest legt Nadja Dankers’ Rollenverständnis am Rande des Nervenzusammenbruchs diesen Vergleich nahe. Till Bauer als Strik verströmt das Mitgefühl einer mechanischen Puppe im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2005
Rubrik: Chronik, Seite 42
von Stephan Reuter

Vergriffen
Weitere Beiträge
Kleine Paralyse zum Glücklichsein

Carl Zuckmayers «Geheimreport» hat spät, aber nicht zu spät bewirkt, auch die Rolle der Schriftsteller, Maler, Musiker und Schauspieler im «Dritten Reich» kritischer zu würdigen und anders als bisher zu bewerten. Ob die Künstler freiwillig anpassungsbereit oder nur unter Druck zu Zugeständnis­sen bereit gewesen sind, ändert nichts an der Tatsache, dass sie sich auf...

Das Hans-Moser-Festival

Es gibt junge Theaterautoren, deren erstes Stück routiniert wirken soll, als sei das erste Dutzend bereits voll. Das kann bei Absolventen einschlägiger  Studiengänge vorkommen. Zum Beispiel, wenn man wie Christina Kettering (24) am Deutschen Literaturinstitut Leipzig die Fächer Prosa und Dramatik/Neue Medien belegt hat. «Der Gast» ist ihr erstes Stück und man fragt...

Forscher und Spökenkieker

Er gehörte zu den Schauspielern, die im Theater unverzichtbar sind: Hermann Lause, einer der Unverwechselbaren aus der Bochumer Schauspielerfamilie um Peter Zadek. Neben Eva Mattes, Ilse Ritter, Ulrich Wildgruber. Auch Wildgruber ist tot. Was macht das Theater jetzt ohne diese beiden großen Schauspieler, zwei Antipoden, die den Spielraum auf der Bühne neu vermaßen?...