Unterm Dottersack
Ausgerechnet die Vernunft bringt Lajos und Jokaste dazu, ihrem kleinen Sohn Ödipus die Füße verstümmeln und ihn den Geiern zum Fraß vorwerfen. Die Greueltat soll verhindern, dass sich der schreckliche Orakelspruch vollzieht, demzufolge der kleine Frechdachs eines Tages Lajos ermorden und Jokaste schwängern wird. Aus Vernunft verlässt auch Ödipus, der die frühe Misshandlung überlebt und bei Hirten im Gebirge aufwächst, fluchtartig seine Adoptiveltern, als er von der Weissagung erfährt, denn er hält sie für seine leiblichen Erzeuger.
Auf seinem Weg trifft er Lajos, und prompt nimmt das Schicksal seinen prophezeiten Lauf.
Was aber ist das für eine Vernunft, die genau das schafft, was sie tunlichst vermeiden will? Der Dramatiker Heiner Müller fand 1967 auch unterm leergefegten Himmel des Atheismus reichlich Anschauungsmaterial, um die tragische Gültigkeit des Ödipus-Konflikts jenseits von Göttergewalt und Freudschen Komplexen zu begreifen. Natürlich forderte die höhere Vernunft des Kapitalismus ihre Opfer. Aber auch unter den Stalins, Maos und osteuropäischer Kleinpotentaten waren die Menschen wie die Fliegen im Dienst der Verwirklichung des Marxismus-Leninismus gestorben, der damals ...
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