Trauma und Boulevard
The history of my family started with my birth», sagt Savyon Liebrecht, «ich weiß nicht, wer meine Großeltern, meine Onkel, meine Tanten waren, meine Eltern haben nie ein Wort darüber verloren.» Zürich, Café Odeon. Wir sitzen an der Bar. Gut hundert Meter weiter schimmert der See, knapp hundert Jahre früher tranken Lenin, die Dadaisten und die künftige Crème de la Crème des 20. Jahrhunderts hier ihren Cafe Crème.
Savyon Liebrecht ist Ende 50, eine der erfolgreichen Autorinnen der «zweiten» Generation Israels, ihre Erzählungen sind in viele Sprachen übersetzt und kreisen immer wieder um das Thema der Sprachlosigkeit der Eltern-Generation, die den Holocaust überlebt und in Israel eine neue Heimat gefunden hat. Sie spricht ein perfektes, entschiedenes und doch weiches Englisch, und während sie den nächsten Cafe Crème bestellt, verwandelt sich der Kellner für wenige Augenblicke in das, was er vielleicht einmal vor langer Zeit gewesen ist: ein charmanter junger Mann. Später sagt Savyon Liebrecht: «Meine Kinder sind beide erwachsen, mein Mann und ich getrennt, jetzt lebe ich alleine, es ist gut fürs Schreiben.»
In einer ihrer stärksten Erzählungen mit dem Titel «Kahlschlag» steht eine ...
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… wurde 2006 dem Ärgernis des Jahres zuteil: Mehr als die Hälfte unserer 38 Kritiker, nämlich 24, erregten sich über die allseitige Regelverletzung der sprichwörtlich gewordenen Frankfurter «Spiralblockaffäre» und einem mit Ignoranz glänzendem «Spiegel»-Artikel des Pop-Literaten Joachim Lottmann im Gefolge, in der sich Schauspieler, Intendantin, Oberbürgermeisterin...
Plötzlich die Sehnsucht nach Natur. Bäume sehen! Himmelfläche. Weidenfläche. Schmerzfläche. Lust. Hinaus ins Grün. Achtlos über Laub. Bis außer Atem. Grundlos lachen. Sich halbtot lachen. Aus dem Schlafwandel erwacht plötzlich merken: Ich bin schon zu weit gelaufen. Hunger und quälende Lust auf Kaffee und Butterbrot, eine Stärkung. Um mich herum nur die blöde...
